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Das „DAG-Gelände" nach Kriegsende
In den ersten Wochen nach der Kapitulation herrschten im „DAG-Gelände", so
nannte man fortan dieses Werk, wie überall im besiegten Deutschland, reichlich
chaotische Zustände. Delegationen der amerikanischen Besatzungsmächte erschienen
laufend. Die Besatzungsmacht zog eine größere Gruppe verbliebener deutscher
Werksangehöriger zu Aufräumungsarbeiten, Instandsetzungsarbeiten und zur
Bewachung des Werkgeländes heran. Die Potsdamer Konferenz der Siegermächte vom
17. Juni bis 12. August 1945 legte die weitere Behandlung Deutschlands fest. So
verfügte sie, dass die Werke der ehemaligen Rüstungsindustrie vernichtet,
Industrieanlagen Deutschlands von einiger Bedeutung demontiert werden sollen
zugunsten der Siegermächte und deren Verbündeter. Für das „Werk Kaufteuren", das
DAG-Gelände, trafen beide Verfügungen zu. Im Oktober 1945 wurde in dem
Wachgebäude des Tores I (heute Sudetenstraße 70) eine Treuhand-Verwaltungsstelle
eingerichtet, die deutsches Personal beschäftigte. Bei dieser
Treuhand-Verwaltungsstelle arbeiteten bis zu 15 Beschäftigte, Büro- und
Wachpersonal und Techniker. Die Techniker hatten die Aufgabe, Gutachten über den
Maschinenpark des Geländes zu erstellen, der etwa 500 hochwertige Maschinen
umfasste.
Die Entnahme von Materialien aus dem Gelände war nur mit Genehmigung der
Militärregierung gestattet. Jedoch nur der Hauptausgang war bewacht, im Gelände
lief lediglich die deutsche Wachmannschaft nach vorgegebenen Routen Streife. So
war es für Ausländer und Deutsche ein Leichtes, auch illegal an die wertvollen
Bedarfsgüter, die im DAG-Gelände in großen Mengen vorhanden waren,
heranzukommen. Die Beutezüge begannen, indem sich die Beschaffer, meist nachts,
Löcher in den Drahtzaun schnitten, hindurch krochen und sich im dichten Wald an
die Gebäude heranschlichen. Allzu eifrig mögen die deutschen Wachmannschaften
das nunmehr von der Besatzungsmacht für deren Zwecke beschlagnahmte deutsche Gut
auch nicht bewacht haben. Der größere Teil an Materialien und
Einrichtungsgegenständen des DAG-Geländes wechselte legal mit Genehmigung der
Treuhänder ihren Besitzer. Bedarf gab es damals an allem und jedem. Nicht wenige
amerikanische und neu geschaffene deutsche Dienststellen richteten sich mit
Einrichtungsgegenständen aus dem DAG-Gelände ein. Es sprach sich bald im weiten
Umkreis herum, dass in diesem Waldgelände bei Kaufbeuren viele begehrenswerte
und benötigte Dinge, legal und illegal, zu bekommen seien. Es gab im Ostallgäu
noch etliche Einödhöfe, die bisher noch nicht der Versorgung mit elektrischem
Strom angeschlossen waren. Einigen von ihnen verhalf das DAG-Gelände zu
Materialien für ihren Versorgungsanschluss.
Mancher Zaun eines Bauernhofes stand einst im DAG-Gelände. Registriert wurden
auch die legalen Entnahmen nicht. Eine Bestandsaufnahme über die entnommenen
oder entwendeten Gegenstände aus dem DAG-Gelände konnte daher nie durchgeführt
werden. Damit konnte auch nie festgestellt werden, welche Werte aus dem
beschlagnahmten Eigentum der Montan-Industrieverwertung in den Monaten nach
Kriegsende vergeudet wurden.
Kontrolloffizier S. Neil ordnete im Oktober eine Inventur aller verbliebenen
Materialien an. Sie konnte nicht durchgeführt werden, weil fast zur gleichen
Zeit der Befehl der Militärregierung zur Sprengung des Geländes eintraf. Statt
einer ordnungsgemäßen Erfassung der Bestände musste nun überstürzt eine
Räumungsaktion angeordnet werden, um die als Reparationsgut vorgesehenen
Maschinen und Installationen, aber auch alle anderen brauchbaren Einrichtungen
der Gebäude vor der Vernichtung zu bewahren.
Die Nachricht von der Räumungsaktion sprach sich rasch herum. Privatpersonen und
Firmen rückten ihrerseits mit Arbeitskräften und Transportmitteln an, um etwas
von diesem preiswerten, sehr wohlschmeckenden Kuchen abzukriegen. Unter der Hand
wurde geflüstert, dass man höchstens drei Fuhren bezahlen bräuchte, eine vierte
ginge leicht gratis durch! Auch die Stadt Kaufbeuren und die umliegenden
Gemeinden wurden aufgefordert, Brauchbares für ihre Bedürfnisse aus dieser
Kriegshinterlassenschaft zu erwerben. Die Stadtverwaltung verständigte durch
einen Aufruf die Bevölkerung von dieser Aktion. Binnen einer Woche sollte die
Räumungsaktion durchgeführt werden, was ein Ding der Unmöglichkeit war, obwohl,
wie die Räumungstrupps feststellen mussten, schon ein ganz erheblicher Teil an
Einrichtungsgegenständen verschwunden war. Leichtbewegliches Inventar hatte
bereits seine Liebhaber gefunden. Die Stadt Kaufbeuren setzte eigene Bautrupps
für die Demontagearbeiten ein, auch die Feuerwehr musste Hilfestellung leisten.
Die Stadt erwarb Türen, Fenster, Klosettanlagen, Waschbecken, Elektroanlagen,
Metallvorräte und anderes mehr. Die Güter wurden bis zur Weiterverwendung in den
Füssener Hallen eingelagert. Der damalige Stadtpfarrer, Geistlicher Rat Fink,
erhielt ein Metallkontingent zugeteilt als Wiedergutmachung für die im Krieg
abtransportierten Glocken von St. Martin. Geistlicher Rat Fink hat später
seinerseits aus diesem Metallvorrat den ersten Gablonzer Gürtlern Stücke
abgegeben, damit diese mit ihrer Schmuckherstellung beginnen konnten. In
unübersehbaren Mengen erschienen Privatleute und Firmenangehörige im
DAG-Gelände, die Straße nach Kaufbeuren war in diesen Tagen vollgestopft durch
Fahrzeuge abenteuerlichster Art. Ein riesiger Treck aus Menschen, Fahrrädern,
Leiterwagen, Fuhrwerken und einigen Autos ergoss sich aus
der Stadt, aber auch aus den umliegenden Ortschaften in das Gelände und flutete
wieder heraus. Welche Werte in welcher Größenordnung in jenen Tagen zu
Billigpreisen verschleudert worden sind, konnte nie ausgemacht werden. Dass
dieser Ausverkauf von Rüstungsgut der deutschen Zivilbevölkerung zugute kam, war
freilich einer der wenigen Glücksfälle, die die deutsche Zivilbevölkerung damals
erfahren durfte. Sehr viel wertvolles Gut fiel bei der Demontage der Maschinen
und anderer Reparationsgüter der Vernichtung anheim, wurde unbrauchbar gemacht.
Die aufsichtsführenden Amerikaner ließen dabei selbst keinerlei Sorgfalt walten.
Sie machten sich einen Spaß daraus, in das wertvolle Maschinenmaterial zu
schießen, sie benützten die Werkhallen selbst als Schießstätten. Unter den
eingesetzten Arbeitstrupps waren im seltenen Falle Facharbeiter, die mit
Maschinen umzugehen verstanden. Es ist anzunehmen, dass die deutschen
Zwangsarbeiter unter ihnen die Demontagearbeiten auch nicht gerade mit Sorgfalt
betrieben - eher das Gegenteil dürfte der Fall gewesen sein. In Opposition gegen
die Maßnahmen der Siegermächte standen sie alle! Die Arbeit in den Fabrikhallen
war zudem schwer, in manchen Hallen stand das Wasser 30 cm hoch. Sie sollte
zudem in kürzester Zeit bewältigt werden.
Amerikanische Armeefahrzeuge transportierten die demontierten Maschinen in 13
auswärtige Orte ab, bis nach Pasing gelangten sie. Ein Teil der Maschinen wurde
im Festspielhaus in Waal eingelagert. Infolge ihres Gewichtes brach dort der
Fußboden durch. Ein großes Kontingent an Schwermaschinen lagerte in den Füssener
Hallen in Kaufbeuren, Lastwagen mit Hebekränen hatten sie dorthin transportiert.
Einer Kontrolleursgruppe der Besatzungsmacht fiel es einmal ein zu befehlen, die
Maschinen müssen in den Hof der Hallen transportiert werden. So wurden sie mit
Ketten an Lastwagen gehängt und herausgeschleppt. Es ist leicht auszumalen, wie
es danach mit der Funktionstüchtigkeit dieser Maschinen bestellt war!
In Begleitung amerikanischer Kommissionen erschienen in den folgenden Monaten
Abordnungen der mit den Siegermächten Verbündeten, suchten sich aus diesem
Demontagestrandgut heraus, was sie zu brauchen vermeinten, und sorgten für den
Abtransport. Am 31. Oktober erschütterte eine ungeheuere Explosionswelle
Kaufbeuren und Umgebung, Fensterscheiben klirrten, etliche zerbrachen, schwarze
Rauchwolken verdüsterten den Himmel: Die Sprengung des DAG-Geländes hatte
begonnen. Die Bevölkerung war nicht davon unterrichtet worden, der Schreck und
der Schaden an zerbrochenem Fensterglas war daher nicht gering.
Die ersten Maßnahmen der Sprengung betrafen die Pulvervorräte. Fünf Tage lang
brauchte das Einsatzkommando, bis das Pulver aus den Fabrikationsräumen entfernt
war. Es wurde in Gruben auf freiem Feld zwischen Germaringen und Rieden gelagert
und entzündet. „Wie ein Atompilz", so schilderten Augenzeugen, stieg die
Rauchwolke weit in den Himmel. Fenster und Schaufenster gingen bei den folgenden
Aktionen nicht mehr zu Bruch. Die Bevölkerung wurde zuvor gewarnt, damit sie
Fenster und Türen öffnen konnten, um den Druckwellen der Explosionen zu
begegnen.
Nach den Pulversprengungen kamen die Gebäude des DAG-Geländes dran: Als erste
die großen, dickwandigen Betonhallen der Produktions- und Fertigungsabteilungen.
Die Sprengarbeiten waren schwierig, die solide Bauweise der Bunker widersetzte
sich der Vernichtung. Zurück blieben Ruinen von respektablem Aussehen. Einige
von ihnen, sie befinden sich im
Depot-Gelände der Bundeswehr und an der Malergasse, existieren heute noch in
diesem Urzustand. Am 11. November hörten die Sprengeinsätze auf. Danach kam von
seiten der amerikanischen Besatzungsmacht nichts mehr, ihr erster Sprengeinsatz
war zugleich ihr letzter. Weitere Sprengungen an den vorhandenen Ruinen führte
die Stadt Kaufbeuren erst in den fünfziger Jahren zur Beseitigung der Trümmer
durch, nachdem sie am 10. März 1953 diese und weitere Grundstücke erworben
hatte. Sie wollte diese Grundstücke zur Bebauung freigeben, geschätzte
Trümmerkapazität: immer noch 40000 cbm Beton! Insgesamt fielen der Sprengung
durch die Amerikaner 83 Baulichkeiten zum Opfer. Die darin noch befindlichen
Maschinen und Anlagen wurden dabei vernichtet.
Ob dabei Menschenleben gefährdet waren oder gar Unfälle vorkamen, ist unbekannt.
Dass diese Sprengungen nicht sorgfältig genug durchgeführt wurden, beweist aber
die Tatsache, dass die Äthertanks getroffen wurden und leckten.
Der oben stehende Text wurde teilweise gekürzt,
leicht verändert und mit Bildern ergänzt von Peter Dittert.
Der Text wurde mit freundlicher Genehmigung des Vorstands der
Leutelt-Gesellschaft e.V. entnommen aus dem Buch:
„Neugablonz - Stadtteil der ehemals Freien Reichsstadt Kaufbeuren im Allgäu“
Entstehung und Entwicklung
Herausgegeben von der Leutelt-Gesellschaft durch Susanne Rössler und Gerhart
Stütz
Das Buch mit dem vollständigen Text ist erhältlich für 35 Euro im örtlichen Buchhandel
von Neugablonz oder direkt von der Leutelt-Gesellschaft, Waldstetter Gasse 10a,
73525 Schwäbisch-Gmünd, Tel. 07171/72705 - gerne bin ich Ihnen bei der
Beschaffung des Buches behilflich - Email :
Peter Dittert
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