Am 2. Dezember 1945 fand im Landratsamt Kaufbeuren eine Besprechung mit dem Regierungskommissar für das Flüchtlingswesen, mit Landrat Dr. Stang und Bürgermeister Dr. Volkhardt statt, in deren Verlauf den Kaufbeurer Vertretern mitgeteilt wurde, dass sie 8000 Vertriebene aufzunehmen hätten. (Die Quote wurde später auf 15000 erhöht.)

Dr. Volkhardt, ein umsichtiger, energischer, zukunftsorientierter Kommunalpolitiker, suchte nun, aus dieser für die Stadt und den Landkreis Kaufbeuren äußerst belastenden Situation das Bestmögliche herauszuholen. Einmal strebte er an, durch die Ansiedlung der Gablonzer Industrie andere, unkontrollierbare Zuzüge von Vertriebenen, unter denen sich mit großer Wahrscheinlichkeit viele soziale Notfälle befinden würden, zu stoppen. Zum anderen rechnete er sich aus, dass eine Ansiedlung einer Vielzahl von Vertriebenen im DAG-Gelände vor den Toren Kaufbeurens die Belastungen für Stadt, Landkreis und alteingesessene Bevölkerung mindern könnten, Belastungen, die sich aus Wohn- und Arbeitsraumbeschaffung, Versorgung der Neuzuzügler, aber auch aus Komplikationen erwachsen, aus dem aufgezwungenen engen Zusammenleben zweier so verschieden strukturierten Bevölkerungsgruppen mit Sicherheit ergeben würden. Er versuchte daher, Einfluss auf die Verwendung des DAG-Geländes zu nehmen zugunsten der Stadt Kaufbeuren.
Diese seine Absicht und zugleich die damalige Situation im DAG-Gelände dokumentiert eindrucksvoll ein Schreiben, das Bürgermeister Dr. Volkhardt am 11. Januar 1946 an den Regierungspräsidenten in Augsburg „Betr. Flüchtlingswesen, Ansiedlung von Industriebetrieben" richtete. Der Inhalt dieses Schreibens lautet:
„Unter Bezugnahme auf die am 2. Januar 1946 mit dem Herrn Regierungspräsidenten geführte Unterredung berichte ich über die Möglichkeit der Unterbringung von Flüchtlingen und der Ansiedlung neuer Industriebetriebe im Stadtgebiet Kaufbeuren folgendes:

1. Es ist möglich, im Gelände der früheren DynamitAG sofort 1500 Flüchtlinge unterzubringen. Das Gelände umfasst rd. 900 Tagwerk. In dem etwa 3,5 bis 5 km vom Stadtzentrum entfernten Gelände, das größtenteils einen Fichtenbestand aufzuweisen hat, liegen verstreut die Gebäude. Von den ungefähr 180 Gebäuden wurden im November 1945 auf Befehl der Militärregierung etwa 60 gesprengt, so dass noch etwa 120 Gebäude vorhanden sind. Von diesen Gebäuden eignet sich ein Teil zur Unterbringung von Personen, ein anderer Teil zur Verwendung für industrielle und gewerbliche Zwecke.
2. Die rechtlichen Verhältnisse in dem Gelände sind ungeklärt. Soviel ich erfahren konnte, wurden die Grundstücke von den Grundstückseigentümern zwangsweise in Anspruch genommen. Ein Teil der Grundbesitzer wurde geldlich abgefunden, ein anderer Teil wartet heute noch auf den Gegenwert. Für einen Teil der Grundstücke wurde der Eigentumsübergang auf die Verwertungsgesellschaft für Montan-Industrie GmbH grundbuchamtlich eingetragen, für einen anderen Teil ist der Eigentumsübergang bis heute noch nicht vollzogen.
Die Verwertungsgesellschaft für Montanindustrie hat ihrerseits den Betrieb an die Dynamit-AG vorm. Alfred Nobel & Co. übertragen. Diese ihrerseits hat den Betrieb verpachtet an:
a) die Fabrik Kaufbeuren zur Verwertung chemischer Erzeugnisse GmbH
b) die Sprengstoffversuchsgesellschaft in Kaufbeuren. Die Kontrolle über das gesamte Gelände übte bis jetzt der Kontrolloffizier Schwaben für die J. G. Farbenindustrie (Streitkräfte der Vereinigten Staaten in Europa, Büro Militärregierung US-Zone) mit dem Sitz in Bobingen aus (z. Z. William S. Neil). Nach einer Bekanntmachung dieses Kontrolloffiziers vom 28. 12. 1945 ist die gesamte Kontrolle, der Gewahrsam und der Besitz samt dem persönlichen Vermögen der Verwertungsgesellschaft für Montanindustrie GmbH, das am 30. 11. 1945 in den Fabriken vorhanden war, auf den zuständigen Beauftragten der Amerikanischen Militärregierung für den Regierungsbezirk US-Zone übergegangen.
3. Die örtliche Amerikanische Militärregierung hat den Landrat beauftragt, einen Plan über künftige Verwendung des Geländes einzureichen, so wie einen Treuhänder zu benennen. Der Herr Landrat hat sich mit mir hierwegen ins Benehmen gesetzt.
Der Leiter des Stadtbauamtes hat zusammen mit dem Kreisbaumeister eine Aufstellung der Gebäude angefertigt, die sich zur sofortigen Aufnahme für Flüchtlinge eignen.
Am 9. dieses Monats fand mit dem Herrn Ministerialdirektor Dr. Ing. Wolf und Herrn Oberbaurat Zecheter, beide vom Bayerischen Arbeitsministerium, einerseits, dem Herrn Landrat und mir andererseits eine eingehende Verhandlung wegen der zukünftigen Verwendung des DAG-Geländes statt.
4. Im Vordergrund steht die sofortige Aufstellung eines Treuhänders, der für die umgehende Sicherheit der großen Werte Sorge trägt. Als Treuhänder kommt bei der Größe und dem Umfang der gestellten Aufgabe nur eine Persönlichkeit in Betracht, die umfassende kaufmännische, wenn möglich auch technische Kenntnisse besitzt und das Format eines Wirtschaftsführers mit einem gewissen Weitblick aufweist. Es ist allerdings in diesem Zusammenhang die Frage zu klären, wer die durch die Aufstellung eines Treuhänders und des ihm beizugebenden Personals entstehenden Kosten übernimmt. Diese Kosten müssen wohl aus der Masse der DAG gedeckt werden. Hierzu wäre zunächst die Genehmigung der zentralen Amerikanischen Regierung in München bzw. in Frankfurt durch das Bayer. Arbeitsministerium einzuholen. Die Sicherung der Werte ist deshalb dringlich, weil nach meinen Feststellungen z. Zt. aus dem DAG-Gelände immer wieder Werte abtransportiert werden, die unter Umständen für die Instandsetzung der Wohngebäude und der gewerblichen Räume benötigt werden, ferner, weil anscheinend im Einverständnis mit dem amerikanischen Kontrolloffizier über einzelne Teile des Geländes vorweg Verfügungen getroffen wurden, die sich möglicherweise bei der späteren Auswertung des Geländes als nachteilig erweisen. (So soll der Fa. Südzug/Gebrüder Sauermann/, Transportunternehmen, ein Gästehaus bereits abgetreten worden sein.)
5. Die nächste Aufgabe wäre eine Feststellung durch Sachverständige, welche industriellen und gewerblichen Betriebe zur Ansiedlung in dem Gelände zugelassen und welche Gebäude für diese Betriebe ausgespart werden sollen. Bis jetzt haben sich folgende Unternehmen für die Zuteilung von Gebäuden im DAG-Gelände gemeldet:
Willi Haase, Ing., Kaufbeuren, Kaiser-Max-Str. 23, Herstellung von Möbeln
Münchner Pappe- und Papierverarbeitungswerk Peter Lossos, München
Dr. Hottenroth & Co, Kaufbeuren, Fabrikation pharm.-Präparate und Drogen Reiner H. Pott, Chemiker, Mainburg, Düngemittelfabrik
Hans Schuler, Montage-Wohnhausbau München Eierteigwaren-Fabrik Oberland, Illertissen
Dr. Hans Willrath, Kaufbeuren, Fabrikation von Leichtbauplatten
Dietzel, Hofrat, Schliersee, für einen unbekannten Fabrikanten
Südzug (Sauermann) Transportunternehmen Kaufbeuren,
Steinholz-Konservenfabrik und Holzbearbeitungsabteilung
Das Bayerische Arbeitsministerium wird ersucht, zunächst festzustellen, welche der interessierten Betriebe im Rahmen der Wirtschaftslenkung hier zugelassen werden können. Begreiflich ist der Wunsch der Stadtverwaltung, dass hauptsächlich an solchen industriellen und gewerblichen Betrieben Interesse besteht, die möglichst viele Arbeitskräfte beschäftigen.
6. Wie ich beim Herrn Regierungspräsidenten in Augsburg erfahren habe, kommen für die Unterbringung im Landkreis Kaufbeuren und insbesondere im DAG-Gelände Gablonzer Glasarbeiter in Betracht. Die Stadtverwaltung bekundet hiermit ihr Interesse an der Zuweisung dieser Flüchtlinge, da nach den bisherigen Erkundigungen für diese Gablonzer Flüchtlinge in erster Linie Heimarbeit in Betracht kommt und für die Fabrikation nicht viele Gebäude in Anspruch genommen werden müssen.
Nach einer heute hier eingetroffenen Meldung soll allerdings der Flüchtlingsstrom aus der Tschechei für die nächsten 3 Monate gestoppt sein, weil die Tschechoslowakei in den nächsten drei Monaten die deutschen Arbeitskräfte selbst benötigen wird.
7. Die Weitläufigkeit des DAG-Geländes würde die Errichtung weiterer Wohn- und Industriegebäude leicht ermöglichen. Auch wäre für die Flüchtlinge Gelegenheit gegeben, in der Nähe ihrer Wohnungen Kleingärten (Schrebergärten) anzulegen. Man kann daran denken, die Flüchtlinge in einer Gemeinschaft oder Genossenschaft zusammenzufassen, die sich selbst verwaltet.
8. Es müsste geprüft werden, ob neben der in Aussicht genommenen Gablonzer Industrie überhaupt weitere industrielle oder gewerbliche Betriebe angesiedelt werden können.
Ferner müsste die Frage entschieden werden, ob Geländeteile an die neu anzusiedelnden Betriebe verkauft oder verpachtet werden sollen. Die anzusiedelnden Flüchtlinge hätten jedenfalls für ihre Wohnungen Miete zu zahlen, sobald sie in den Arbeitsprozess eingereiht sind und Verdienst haben.
9. Die Stadtverwaltung ersucht schon heute, ihr die öffentlichen Versorgungsanstalten und Einrichtungen im DAG-Gelände zu überlassen. Dazu gehört:
a) die Trink- und Brauchwasserleitung einschließlich Brunnen, Hydranten, Wasserreinigungsanlage an der Wertach (Anschluss der Wasserleitung der
DAG an das städt. Wasserrohrnetz ist bereits vorhanden).
b) Elektrizitätsversorgung einschließlich aller Transformationsstationen, Schaltanlagen, Kabelleitungen, Freileitungen, Dieselmotoranlage usw.
c) Kanalisationsanlage einschließlich sämtlicher Leitungen im DAG-Gelände sowie die Ableitung zur Wertach nebst Kläranlage.
d) Fernsprech- und Feuermeldeanlagen
e) sämtliche durch das DAG-Gelände führenden Straßen und Wege. Es handelt sich in der Hauptsache um Betonstraßen.
f) Industriegleisanlage einschließlich Lok-Schuppen bis an die Grenze des Bahnhofs Pforzen. Wegen dieser Gleisanlage ist bereits mit der Reichsbahndirektion in Augsburg verhandelt worden.
10. Mit Rücksicht darauf, dass das DAG-Gelände immerhin einige km weit vom Stadtzentrum entfernt ist, wird es notwendig werden, in einem Verwaltungsgebäude die erforderlichen städt. Nebenstellen unterzubringen. Eine solche Verwaltungsstelle ist am Eingang des DAG-Geländes bereits vorhanden. Hier könnten untergebracht werden: Eine Polizeistation mit Einwohnermeldeamt, eine Lebensmittelkartenstelle usw. Weiterhin wird ein Gebäude zur Unterbringung von Feuerlöschgeräten, einer Sanitätskolonnenstation, Omnibuskraftwagen, die die Verbindung zum Stadtzentrum herstellen, erforderlich sein. Auch an die Errichtung einer eigenen Schule, von Betsälen, v
on Kaufläden und Werkstätten, sowie die Lösung der Friedhofsfrage muss wohl gedacht werden."

 


Der oben stehende Text wurde teilweise gekürzt, leicht verändert und mit Bildern ergänzt von Peter Dittert.

Der Text wurde mit freundlicher Genehmigung des Vorstands der Leutelt-Gesellschaft e.V. entnommen aus dem Buch:
„Neugablonz - Stadtteil der ehemals Freien Reichsstadt Kaufbeuren im Allgäu“
Entstehung und Entwicklung
Herausgegeben von der Leutelt-Gesellschaft durch Susanne Rössler und Gerhart Stütz

Das Buch mit dem vollständigen Text ist erhältlich für 35 Euro im örtlichen Buchhandel von Neugablonz oder direkt von der Leutelt-Gesellschaft, Waldstetter Gasse 10a, 73525 Schwäbisch-Gmünd, Tel. 07171/72705 - gerne bin ich Ihnen bei der Beschaffung des Buches behilflich -  Email : 
Peter Dittert