An der unteren Sudetenstraße, im Bereich der Grün­anlage des Altenheimes der Arbeiterwohlfahrt, steht ein Gedenkstein, 1981 vom Anpflanzungs- und Ver­schönerungsverein errichtet, auf dessen Bronzetafel zu lesen ist:

Dieser Gedenkstein ist eine Erinnerung daran, dass in seinem Umfeld, zwischen Sudetenstraße, Eichenmähderweg, Riederlohweg und Hartmähderweg, von 1939 bis 1954 ein Barackenlager stand, das Tausende Men­schen im und nach dem Kriege mehr oder weniger zwangsweise beherbergt hatte. Für die einen hatte dies Internierung, für die anderen Unterschlupf in Notzeiten bedeutet.

Dieses Barackenlager bestand ursprünglich aus 31 Baracken und barackenähnlichen Gebäuden mit insgesamt 28 300 cbm umbauten Raum. Es wurde 1939 auf einer Waldwiese südlich des großen Waldgebietes „Am Hart" von der Dynamit A. G. im Zuge des Aufbaus des Sprengstoffwerkes Kaufbeuren errichtet und war Eigentum der Montan-Industriewerke GmbH.

Seinen Namen „Riederloh" bekam es nach einem gebräuchlichen Flurnamen. Der Name bedeutet so viel wie „sumpfiger Hain". „Rieder" ist eine Mehrzahlbildung von „Ried", was Moos, Sumpf, Moor bedeutet, „Loh" ist ein Ausdruck für „Hain", „Lichtung mit Gebüsch bewachsen", der sich im süddeutschen Sprachraum mundartlich erhalten hat.

 

Das Barackenlager Riederloh war nach dem im nationalsozialistischen Deutschen Reich üblichen Schema für die Errichtung von Lagern gebaut worden: Die Baracken waren aus hölzernen Fertigbauteilen zusammengesetzt, sie waren nicht unterkellert, mit Ausnahme der Wirtschaftsbaracke. Die Lagerleitung war in einem gemauerten Gebäude untergebracht, ebenso das Magazin des Lagers. Das Lager wies zwei Regionen auf: die Unterkunftsregion mit Massenquartieren und die Verwaltungs- und Sozial-Region. Die Unterkünfte besaßen keine eigenen Wasch- und Klosett­Anlagen, diese befanden sich außerhalb der Unterkünfte in gesonderten Baracken, sie konnten nicht zentral beheizt werden. Anders die Verwaltungs- und Sozialregion: Zu ihr gehörten die Verwaltungsbaracke, die Sanitätsbaracke und die Wirtschaftsbaracke, sie waren zentral beheizt, verfügten über Wasserleitung und eigene Klosettanlagen in den Gebäuden selbst. Die Sanitätsbaracke besaß ein Bad. Der Mittelpunkt des Lagers war die Wirtschaftsbaracke. Sie lag etwa auf dem heutigen Gebiet des V-Markts an der Sudetenstraße und war in U-Form gebaut. Ihre beiden Seitentrakte dienten ursprünglich als Speisesäle für die Lagerinsassen, in ihrem Mitteltrakt war die Großküche untergebracht. Die Wirtschaftsbaracke war doppelt unterkellert. Nach Übernahme des Lagers als „Flüchtlingslager" blieb der Küchentrakt in seiner Funktion erhalten, der Seitentrakt in der Sudetenstraße diente als Versammlungs- und Begegnungsstätte, der rückwärtige Trakt als Massenlager, zwei davon abgeteilte Stuben als Kindergarten und Kapelle.

Unterkunftsbaracken des Lagers Riederloh

Das Landratsamt Kaufbeuren mietete im Mai 1946 dieses Lager gegen 2000 Mark Monatsmiete als Unter­kunftslager für Vertriebene, Flüchtlinge und Heimatlose an.

Die Anmietung des Lagers war für das Landratsamt Kaufbeuren von existentieller Bedeutung: Im Frühsommer 1946 rollten Vertriebenentransporte in zuvor ungeahntem Ausmaß nach Kaufbeuren, die sich in Kaufbeuren sammelnde Gablonzer Industrie zog Ströme von Fachleuten an, aus der Gefangenschaft heimkehrende Soldaten, die nicht wussten wohin, kamen nach Kaufbeuren und Flüchtlinge aus der Sowjetischen Besatzungszone, die nicht unter dem dort sich zu dieser Zeit mehr und mehr abzeichnenden kommunistischen System leben wollten oder konnten, setzten sich damals schon in großer Zahl nach Bayern und damit auch nach Kaufbeuren ab: Bayern galt, da es vom Krieg verhältnismäßig wenig mitgenommen war, als gute Zufluchtsstätte. Die bisher im Kaufbeurer Bereich errichteten „Flüchtlingslager" reichten bei weitem nicht mehr für die Unterbringung dieser Menschenmassen aus.

 

Zudem sollten die mit Flüchtlingen und Vertriebenen belegten Kaufbeurer Schulen bis zu Schuljahresbeginn 1946/47 freigemacht werden. Die Anmietung des Lagers Riederloh setzte das Kaufbeurer Landratsamt in den Stand, eine ausreichend große zentrale Auffangstelle für die nach Kaufbeuren einströmenden Menschenmassen zu schaffen. Ursprünglich war vorgesehen, das Lager Riederloh als Durchgangslager zu benützen; die in das Lager Eingewiesenen sollten nur kurze Zeit hier bleiben und nach Abwicklung der nötigen Verwaltungsarbeiten in die Gemeinden des Landkreises weitergeleitet und dort in Privatquartiere untergebracht werden. Die Entwicklung setzte andere und vielschichtigere Akzente: Zwei Monate später schloss Dipl.-Ing. Erich Huschka den Pachtvertrag über zwei Drittel des benachbarten DAG-Geländes, die Besiedlung des Geländes durch die Gablonzer setzte ein. Gablonzer Facharbeiter, die im Lager Riederloh Unterkunft gefunden hatten, blieben im Lager, geschützt durch das Landratsamt Kaufbeuren und dessen Abteilung „Flüchtlingswesen", die sich als getreue Verbündete der Ansiedlungspläne der Gruppe Huschka auch in diesem Fall bewährten.

 

Die Wirtschaftsbaracke des Lagers Riederloh an der heutigen Sudetenstraße mit Zaun und Wache

Die Gablonzer Facharbeiter und ihre Familien richteten sich im Lager Riederloh häuslich ein, gründeten hier ihre Betriebe neu. Je bekannter und damit auch wirtschaftlich attraktiver die zentrale Ansiedlung der Gablonzer Industrie im Kaufbeurer DAG-Gelände wurde, desto mehr Gablonzer strömten nach Kaufbeuren, mit und ohne Zuzugsgenehmigung; Ende der vierziger und Anfang der fünfziger Jahre nicht mehr als unmittelbar Vertriebene, sondern als Übersiedler, die schon in anderen Aufnahmegebieten Unterkunft gefunden hatten und sich nun nach Neugablonz absetzten in der Hoffnung, hier eine Existenz gründen zu können. Dass dabei die Sehnsucht, wieder unter Landsleuten, Freunden, Verwandten leben zu dürfen, auch eine Rolle gespielt hat, ist mit Gewissheit anzunehmen !

Die Allgäuer Glas- und Schmuckwaren-Genossenschaft bemühte sich zudem in diesen Jahren intensiv, die Konzentration der Gablonzer Industrie im Raum Kaufbeuren weiter voranzubringen. Mit Erfolg, noch 1952 und 1953 trafen geschlossene Transporte Gablonzer Facharbeiter mit ihren Familien aus Trappenkamp und Hohenfels in Neugablonz ein. Alle diese Neuzugänge, so weit sie nicht schon Unterkunft privater Art gefunden hatten, fanden eine erste Zuflucht im Lager Riederloh, wenn auch nicht immer ganz ohne Schwierigkeit.

So wurde aus dem „Flüchtlingslager Riederloh" ein Aufnahmelager für viele Gablonzer und Isergebirgler, erste Station ihrer neuen Heimatfindung im Allgäu. Das „Flüchtlingslager Riederloh" war in der Zeit seines Bestehens im Durchschnitt mit 1000 bis 1250 Personen belegt. Es entwickelte sich im Laufe der Zeit zu einem eigenständigen Gemeinwesen besonderer Prägung, zu einer kleinen Welt für sich, vielen Wandlungen allerdings unterworfen.

Schmerzhaft, wie dies aus heutiger Sicht erscheinen muss. Sie alle kannten das Lagerdasein, hatten während des Nationalsozialistischen Deutschen Reiches, hatten als Kriegsgefangene, als internierte Vertriebene, als Insassen von Straf- und Arbeitslagern dieses Lagerdasein erlebt, teils unter sehr viel schwierigeren und böseren Bedingungen, als sie das Flüchtlingslager Riederloh bot. Sie wussten, dass Lagerdisziplin die Voraussetzung für das Funktionieren einer Lagergemeinschaft ist, kannten aber auch die Spielregeln, die verhelfen können, diese Disziplinierung und die damit verbundenen Zwänge zu unterlaufen, ihre Schärfe zu mildern. Insbesondere jüngere Leute entwickeln, so hat die Erfahrung gelehrt, unter Einsatz von viel Fantasie und Initiative in solcher Situation Lebensformen, die eine Erleichterung ihres Daseins bewirken. Alte, Kranke und Gebrechliche haben es schwerer.

Ein Nachteil des Flüchtlingslagers Riederloh war es, verglichen mit Lagerleben unter anderen Verhältnissen, dass die Lagerinsassen keine homogene Menschengruppe waren. Sie verkörperten einen Querschnitt der Gesamtbevölkerung vom Kleinkind bis zum Greis. Frauen und Männer unterschiedlichster Herkunft und Ausbildung, Erziehung und Lebensein­stellung hausten da auf engstem Raum zusammen. Positiv im Unterschied zu Lagern mit homogener Besetzung wirkte sich aus, dass die Lagerinsassen in Familienverbänden integriert waren, die ihnen Rückhalt und Schutz boten. Dass es unter diesen Bedingungen auch zu Reibereien unter den Lagerinsassen kommen musste, war selbstverständlich. Aber - und dies ist aus heutiger Sicht kaum vorstellbar - diese Reibereien hielten sich in engen Grenzen, arteten nie aus zum Schaden der großen Gemeinschaft.

 Eine Solidaritätsgemeinschaft

 Einer der Gründe für das Funktionieren dieser Gemeinschaft war die Situation, in der sich die Vertriebenen befanden: Sie waren, bedingt durch ihr Schicksal, anspruchslos, genügsam, flexibel und organisationsfreudig. Sie waren zufrieden, dass sie wieder ein Dach über dem Kopf hatten, dass sie sich frei fühlen konnten von der Angst, als Deutsche verfolgt und gequält zu werden, dass sie so viel zum Essen hatten, dass es zum Überleben reichte. Und sie waren durch ihre Schicksalsgemeinschaft des Lagerlebens eng verbunden. Dieser ihr Dasein bestimmende Faktor nahm an Bedeutung zu, je öfter sie erfuhren, welchen Repressalien andere Vertriebene ausgesetzt waren, welche Diskriminierungen andere Vertriebene erleiden mussten, die zwangsweise in Privatquartiere eingewiesen worden waren. So hatte der Stacheldrahtzaun, der bis Ende 1948 das Lager umgab, nicht nur eine Einschlussfunktion, in den Augen vieler Lagerbewohner übte er auch eine Schutzfunktion aus gegenüber den Unbilden einer bisweilen feindlichen Welt „draußen".


Der oben stehende Text wurde teilweise gekürzt und leicht verändert von Peter Dittert.
Der Text wurde mit freundlicher Genehmigung des Vorstands der Leutelt-Gesellschaft e.V. entnommen aus dem Buch:
„Neugablonz - Stadtteil der ehemals Freien Reichsstadt Kaufbeuren im Allgäu“
Entstehung und Entwicklung - Herausgegeben von der Leutelt-Gesellschaft durch Susanne Rössler und Gerhart Stütz

Das Buch mit dem vollständigen Text ist erhältlich für 35 Euro im örtlichen Buchhandel von Neugablonz oder direkt von der Leutelt-Gesellschaft, Waldstetter Gasse 10a, 73525 Schwäbisch-Gmünd, Tel. 07171/72705 - gerne bin ich Ihnen bei der Beschaffung des Buches behilflich -  Email : 
Peter Dittert