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An der unteren Sudetenstraße, im Bereich der Grünanlage des Altenheimes der Arbeiterwohlfahrt, steht ein Gedenkstein, 1981 vom Anpflanzungs- und Verschönerungsverein errichtet, auf dessen Bronzetafel zu lesen ist:
Das Landratsamt Kaufbeuren mietete im Mai 1946 dieses Lager gegen 2000 Mark Monatsmiete als Unterkunftslager für Vertriebene, Flüchtlinge und Heimatlose an. Die Anmietung des Lagers war für das Landratsamt Kaufbeuren von existentieller Bedeutung: Im Frühsommer 1946 rollten Vertriebenentransporte in zuvor ungeahntem Ausmaß nach Kaufbeuren, die sich in Kaufbeuren sammelnde Gablonzer Industrie zog Ströme von Fachleuten an, aus der Gefangenschaft heimkehrende Soldaten, die nicht wussten wohin, kamen nach Kaufbeuren und Flüchtlinge aus der Sowjetischen Besatzungszone, die nicht unter dem dort sich zu dieser Zeit mehr und mehr abzeichnenden kommunistischen System leben wollten oder konnten, setzten sich damals schon in großer Zahl nach Bayern und damit auch nach Kaufbeuren ab: Bayern galt, da es vom Krieg verhältnismäßig wenig mitgenommen war, als gute Zufluchtsstätte. Die bisher im Kaufbeurer Bereich errichteten „Flüchtlingslager" reichten bei weitem nicht mehr für die Unterbringung dieser Menschenmassen aus.
Die Gablonzer Facharbeiter und ihre Familien richteten sich im Lager Riederloh häuslich ein, gründeten hier ihre Betriebe neu. Je bekannter und damit auch wirtschaftlich attraktiver die zentrale Ansiedlung der Gablonzer Industrie im Kaufbeurer DAG-Gelände wurde, desto mehr Gablonzer strömten nach Kaufbeuren, mit und ohne Zuzugsgenehmigung; Ende der vierziger und Anfang der fünfziger Jahre nicht mehr als unmittelbar Vertriebene, sondern als Übersiedler, die schon in anderen Aufnahmegebieten Unterkunft gefunden hatten und sich nun nach Neugablonz absetzten in der Hoffnung, hier eine Existenz gründen zu können. Dass dabei die Sehnsucht, wieder unter Landsleuten, Freunden, Verwandten leben zu dürfen, auch eine Rolle gespielt hat, ist mit Gewissheit anzunehmen ! Die Allgäuer Glas- und Schmuckwaren-Genossenschaft bemühte sich zudem in diesen Jahren intensiv, die Konzentration der Gablonzer Industrie im Raum Kaufbeuren weiter voranzubringen. Mit Erfolg, noch 1952 und 1953 trafen geschlossene Transporte Gablonzer Facharbeiter mit ihren Familien aus Trappenkamp und Hohenfels in Neugablonz ein. Alle diese Neuzugänge, so weit sie nicht schon Unterkunft privater Art gefunden hatten, fanden eine erste Zuflucht im Lager Riederloh, wenn auch nicht immer ganz ohne Schwierigkeit. So wurde aus dem „Flüchtlingslager Riederloh" ein Aufnahmelager für viele Gablonzer und Isergebirgler, erste Station ihrer neuen Heimatfindung im Allgäu. Das „Flüchtlingslager Riederloh" war in der Zeit seines Bestehens im Durchschnitt mit 1000 bis 1250 Personen belegt. Es entwickelte sich im Laufe der Zeit zu einem eigenständigen Gemeinwesen besonderer Prägung, zu einer kleinen Welt für sich, vielen Wandlungen allerdings unterworfen. Schmerzhaft, wie dies aus heutiger Sicht erscheinen muss. Sie alle kannten das Lagerdasein, hatten während des Nationalsozialistischen Deutschen Reiches, hatten als Kriegsgefangene, als internierte Vertriebene, als Insassen von Straf- und Arbeitslagern dieses Lagerdasein erlebt, teils unter sehr viel schwierigeren und böseren Bedingungen, als sie das Flüchtlingslager Riederloh bot. Sie wussten, dass Lagerdisziplin die Voraussetzung für das Funktionieren einer Lagergemeinschaft ist, kannten aber auch die Spielregeln, die verhelfen können, diese Disziplinierung und die damit verbundenen Zwänge zu unterlaufen, ihre Schärfe zu mildern. Insbesondere jüngere Leute entwickeln, so hat die Erfahrung gelehrt, unter Einsatz von viel Fantasie und Initiative in solcher Situation Lebensformen, die eine Erleichterung ihres Daseins bewirken. Alte, Kranke und Gebrechliche haben es schwerer. Ein Nachteil des Flüchtlingslagers Riederloh war es, verglichen mit Lagerleben unter anderen Verhältnissen, dass die Lagerinsassen keine homogene Menschengruppe waren. Sie verkörperten einen Querschnitt der Gesamtbevölkerung vom Kleinkind bis zum Greis. Frauen und Männer unterschiedlichster Herkunft und Ausbildung, Erziehung und Lebenseinstellung hausten da auf engstem Raum zusammen. Positiv im Unterschied zu Lagern mit homogener Besetzung wirkte sich aus, dass die Lagerinsassen in Familienverbänden integriert waren, die ihnen Rückhalt und Schutz boten. Dass es unter diesen Bedingungen auch zu Reibereien unter den Lagerinsassen kommen musste, war selbstverständlich. Aber - und dies ist aus heutiger Sicht kaum vorstellbar - diese Reibereien hielten sich in engen Grenzen, arteten nie aus zum Schaden der großen Gemeinschaft. Eine Solidaritätsgemeinschaft Einer der Gründe für das Funktionieren dieser Gemeinschaft war die Situation, in der sich die Vertriebenen befanden: Sie waren, bedingt durch ihr Schicksal, anspruchslos, genügsam, flexibel und organisationsfreudig. Sie waren zufrieden, dass sie wieder ein Dach über dem Kopf hatten, dass sie sich frei fühlen konnten von der Angst, als Deutsche verfolgt und gequält zu werden, dass sie so viel zum Essen hatten, dass es zum Überleben reichte. Und sie waren durch ihre Schicksalsgemeinschaft des Lagerlebens eng verbunden. Dieser ihr Dasein bestimmende Faktor nahm an Bedeutung zu, je öfter sie erfuhren, welchen Repressalien andere Vertriebene ausgesetzt waren, welche Diskriminierungen andere Vertriebene erleiden mussten, die zwangsweise in Privatquartiere eingewiesen worden waren. So hatte der Stacheldrahtzaun, der bis Ende 1948 das Lager umgab, nicht nur eine Einschlussfunktion, in den Augen vieler Lagerbewohner übte er auch eine Schutzfunktion aus gegenüber den Unbilden einer bisweilen feindlichen Welt „draußen".
Der oben stehende Text wurde teilweise gekürzt und
leicht verändert von Peter Dittert.
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