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Als das Landratsamt Kaufbeuren das Lager Riederloh im Mai 1946 übernahm, waren dessen Bauten wohl noch intakt, die Inneneinrichtung war allerdings nicht mehr vollständig vorhanden. Die zuvor nach Kriegsende hier einquartierten Polen und die danach hier untergebrachten Kriegsgefangenen, Soldaten der Waffen-SS, hatten wohl den Großteil der Inneneinrichtung mitgehen lassen, andere Interessenten, die Zugang zum Lager hatten, werden sich wohl auch an diesem „herrenlosen Gut" bedient haben. Es waren noch Stockbetten, einige Spinde, Tische und Stühle, ungefüllte Strohsäcke und einige Decken vorhanden. Wasserleitung und Klosettanlagen funktionierten, ebenso die Elektroinstallation, auch wenn sie in einem sehr mangelhaften Zustand war. Die Kesselanlagen der Küche und die Zentralheizung waren nicht zerstört, sie mussten aber repariert werden. Die sich im Lagergelände befindlichen kleinen Unterkunftsbaracken (No. 12-17) waren unterteilt in Stuben zu etwa 3,5 mal 4 Metern, getrennt durch einen zwei Meter breiten Mittelgang. Die Großbaracken entlang des späteren Eichenmähderweges dagegen und die Seitentrakte der Wirtschaftsbaracke bildeten jeweils einen Großraum. Ein Maschendrahtzaun mit einer Stacheldrahtkrone, zweieinhalb Meter hoch, umgab das Lagergelände, unterbrochen von Wachtürmen, die allerdings bald abgetragen wurden. Das Lagergelände besaß nur zwei Zugänge, das Lagertor mit Wache, gelegen etwa in der Höhe des heutigen V-Markts und ein zweites Tor, gelegen in der Höhe des Riederlohweges/Sudetenstraße, das nur bei Anlieferung von sperrigen Gütern geöffnet wurde. Der Maschendrahtzaun verschwand Ende des Jahres 1948. Bei der Übernahme des Lagers stellte das Landratsamt das erste Personal für die Lagerleitung ein, es waren dies der erste Lagerleiter Robert Köhler und vier Wachleute, die die vorhandenen Bestände bewachen sollten, unter ihnen der erste Gablonzer Lagerbewohner, Emil Zenkner, Lebensmittelkaufmann, den es, aus der Gefangenschaft kommend, nach Kaufbeuren verschlagen hatte. Das weitere benötigte Personal für die Lagerverwaltung holte sich Flüchtlingskommissar Anton Weigl aus der Kaufbeurer Bevölkerung und aus den ankommenden Vertriebenentransporten. Lagerleiter Köhler und seine vier Helfer richteten das Lager notdürftig her. Am 28. Mai 1946 traf der erste Vertriebenentransport im Lager ein, er kam aus Südmähren. Die Menschen waren übermüdet und sehr hungrig. Lastwagen hatten sie samt Gepäck vom Bahnhof Kaufbeuren zum Lager gefahren. Unter ihnen befand sich Elli Schunke, die nachmalige Kantinenwirtin des Lagers, sie und ihr Mann Rudi Schunke waren eine der letzten Bewohner des Lagers, sie harrten hier bis 1954 aus. Die Angekommenen wurden notdürftig im Massenlager der Wirtschaftsbaracke, ausgestattet mit Zweistock-Betten, untergebracht. Nach Erledigung der Aufnahmeformalitäten wurden sie, wenn sie Glück hatten, in kleinere Barackenzimmer verlegt.
Im Laufe des Sommers 1946 wuchs die Belegung des Lagers von Woche zu Woche rasch an. Die vorhandenen Unterkünfte, die für Aufnahme von Bewohnern in Frage kamen, reichten nicht mehr aus. Lagerleiter Köhler und seine Helfer richteten daher die leeren Großbaracken her, sie unterteilten sie mit Holzwänden und schufen so pro Baracke 24 größere und kleinere Räume, durch einen Mittelgang getrennt. Diese Ausbauarbeiten waren schwierig, es gab kein Material dafür, jedes Stück Holz, jeder Nagel war zu dieser Zeit eine Kostbarkeit. Lagerleiter Köhler ist als „Organisationstalent" in die Erinnerungen seiner Mitarbeiter eingegangen. Irgendwie schaffte er es immer wieder, das benötigte Material aufzutreiben. Oft war er tagelang deswegen mit seinem alten Motorrad unterwegs. Freilich waren die Bretter, aus denen die Lagerhandwerker die Zwischenwände herstellten, voller Astlöcher. Jeder Bewohner der Stuben war daher bestens informiert, was in den Nachbarstuben vor sich ging. Nun, da dies auf Gegenseitigkeit beruhte, dämpfte ausgleichende Gerechtigkeit eventuelle Neugierde. Wenn man sich wusch, auszog oder umzog, tat man freilich gut daran, eine Decke vorzuhängen und abends das Licht zu löschen. In den größeren Barackenstuben, und das waren die meisten, standen je zwei Dreier-Stockbetten, in den kleineren zwei Zweier-Stockbetten. Die Stuben wurden voll belegt, ohne Rücksicht darauf, ob die Bewohner verwandt oder bekannt miteinander waren, mit Männern, Frauen, Kindern, wie es gerade kam. Nur Großfamilien hatten eine Chance, ohne Fremde eine Stube für sich zu beziehen. Die Lagerstätten in den Stuben reichten oft nicht aus, Kinder nächtigten auf Notlagern, Erwachsene zu zweit in einem Bett, und dies über Jahre. Alleinstehende Männer wurden gemeinsam in „Junggesellenstuben" untergebracht. Um sich wenigstens ein kleines bisschen Privatsphäre zu schaffen, grenzten die Familien oder Einzelbewohner ihre Bettstatt durch herunterhängende Decken ab. Auch das vorhandene Mobiliar, Stockbetten, Spinde, Hocker und Tische, reichte bald nicht mehr aus. Abhilfe schufen, unfreiwillig, die US-Besatzer des Fliegerhorstes Kaufbeuren: Sie entfernten aus den Kasernen das Mobiliar aus der Kriegszeit. Die Lagerleitung holte davon eine Menge Einrichtungsgegenstände in das Lager Riederloh. Die Lagerbewohner trugen das ihre dazu bei, ihre Unterkünfte mit dem Nötigsten zu versehen, sie zimmerten aus Holzabfällen primitive Regale und Hocker und benützten ihre „Aussiedlungskisten" als Truhen, Sitzgelegenheiten, sogar als Bettstatt. Ein weit größeres Problem stellte die Beheizung der Wohnbaracken dar. Diese hatten keine Öfen. Zentralheizung besaß nur die Wirtschaftsbaracke und die übrigen Verwaltungsgebäude. Die Zentralheizung konnte nach gründlicher Reparatur und Überholung auch erst zu Beginn des Jahres 1947 voll in Betrieb genommen werden. Der Lagerleitung gelang es, im Winter 1946/47 kleine gusseiserne Öfchen, so genannte „Kanonenöfen", aufzutreiben und in den Barackenstuben aufzustellen. Ihre Installation war denkbar primitiv, die Ofenrohre wurden durch die Barackenwand ins Freie geleitet. Wer über keine Heizmöglichkeit in seiner Stube verfügte, behalf sich selbst mit abenteuerlichen Konstruktionen, die keineswegs immer die Billigung der Lagerleitung fanden. Wegen Brandgefahr war es schwer verboten, mit Strom zu heizen. Aber dieser Ausweg erledigte sich von selbst, die Elektrizitätsversorgung war in den ersten Lagermonaten mangelhaft, der Strom so schwach, dass er kaum für die Beleuchtung ausreichte, und allgemeine Stromsperren drosselten sporadisch die Stromversorgung ganz. Ein begehrter Helfer in der Not war Schlosser Max Neumann, einer der ersten Lagerbewohner. Er verstand es, tüchtig und geschickt wie er war, aus gebrauchten Blech-Wehrmachtsspinden Öfen herzustellen. Die Ofenplatten lieferte ihm Max Kaiser, Klempner und Installateur, der sich auf die Wiederverwendung von Metall-Abfällen aus dem DAG-Gelände spezialisiert hatte. Ofenplatten stellte Max Kaiser aus Großbenzinkanistern her, die im Bereich der jetzigen Leutelt-Schule lagerten. Trotz aller dieser Bemühungen froren die Lagerbewohner, die zudem für ihr Heizmaterial selbst sorgen mussten, im Nachkriegswinter 1946/47, der zu den strengsten unseres Jahrhunderts zählte, ganz jämmerlich. Ein großes Ereignis für die Lagerbewohner brachte das Jahr 1948: Der Lagerleitung war es gelungen, Küchenherde aufzutreiben. Leider reichten die Herde nicht für alle aus, so verteilte sie die Lagerleitung nach sozialen Aspekten an Alte, Kranke, Familien mit Kleinkindern. Für die Betroffenen bedeutete dies einen wahren Glücksfall, sie konnten selbst kochen und sich nach der Währungsreform, als dies erlaubt wurde, von der Massenverpflegung der Lagerküche unabhängig machen. Als ein weiteres großes Problem erwies sich die Verwanzung des Lagers. Die Wanzen, in großer Zahl vorhanden, hatte die Lagerleitung von den Vorgängern übernommen. Die Wanzen waren eine große Plage für alle. Nachts raubten sie den RiederlohLeuten den Schlaf. Solche unter ihnen, die einigen Humor aufbrachten, spielten nachts Karten und gingen zwischendurch auf Wanzenjagd. Die Kaufteurer Kammerjäger richteten nicht sehr viel aus gegen diese stabilen Blutsauger. Sie versuchten es zwar mehrmals, der Plage Herr zu werden, indem sie die Stubenbewohner in das Massenlager ausquartierten, alle Ritzen und Löcher verstopften und die Quartiere ausschwefelten. Doch die Wanzen überlebten jedes Mal, nach kurzer Zeit waren sie wieder vorhanden. Diese Entwanzungsaktionen hatten für die Lagerinsassen nur negative Auswirkungen, das Ungeziefer quälte sie weiter, sie selbst aber stanken tagelang nach Desinfektionsmittel und mussten erleben, dass sie bei Gängen durch die Stadt als „verwanzte Flüchtlinge" naserümpfend beschimpft wurden. Solche Erlebnisse kränkten und verbitterten die Lagerbewohner sehr. Erst nach der Währungsreform, als wieder DDT-Pulver zur Verfügung stand, rotteten die Kammerjäger die Riederlohwanzen ein für alle mal aus. Nach der Währungsreform, als immer mehr Dauerbewohner im Lager Riederloh lebten, errichtete die Lagerleitung im Bereich des am Riederlohweg angelegten Löschteiches, dessen Becken heute noch vorhanden ist, einfache hölzerne Schupfen, die sie den Lagerbewohnern als Aufbewahrungsort für vielerlei Dinge zur Verfügung stellte. Zwischen den Baracken und entlang des Eichenmähderweges legten Lagerleitung und Bewohner Gärtchen, Kartoffel- und Gemüsebeete an, so dass das Lager Riederloh, auch von außen her gesehen, seinen Lagercharakter mehr und mehr verlor und als einfache Wohnstätte, wenn auch primitiver Art, in Erscheinung trat.
Doch die Abgewiesenen, unter ihnen auch viele, die sich über die „grüne Grenze" aus der Sowjetischen Besatzungszone abgesetzt hatten, gaben selten auf. Sie schlugen sich tagelang ohne Unterkunft, ohne Verpflegung durch, reihten sich in aller Herrgottsfrühe immer wieder in die lange Schlange von Menschen ein, die sich täglich vor dem Flüchtlingsamt bildete, versuchten, oft erfolgreich, über die Kaufbeuren übergeordnete Dienststelle in Augsburg eine Zuzugsgenehmigung zu ergattern und erfanden allerlei Tricks, um in den Besitz dieses begehrten Papiers und damit in den „Genuss" der Lagereinweisung zu kommen. Dass sich dabei sehr oft unschöne Szenen, Szenen der Verzweiflung, abgespielt haben, ist in Anbetracht der Notlage der Betroffenen und in Anbetracht der Überforderung des Flüchtlingskommissars verständlich. Wie viele in Kaufbeuren Zufluchtsuchende endgültig abgewiesen wurden, ist nirgends registriert. Für die Bewohner des Lagers Riederloh war es streng verboten, unangemeldete Personen zu beherbergen. Dass dies sicherlich immer wieder einmal vorkam, kann aus der damaligen Situation gefolgert werden und auch daraus, dass die Lagerleitung dieses Verbot immer wieder einmal mit Nachdruck verlautbaren ließ. Der „Flüchtlingsstatus" Die Einweisung in das Lager Riederloh hatte zugleich auch die Anerkennung als „Flüchtling" zur Folge, das bedeutete, dass der mit diesem Status bedachte einen „Flüchtlingsausweis" ausgestellt bekam, der ihm in späterer Zeit gewisse Rechte, wie das Ansuchen auf Gewährung von Lastenausgleich, einräumte. Heimatlose, die ohne jede Ausweispapiere in das Lager Riederloh eingewiesen wurden, und das waren in der Zeit dieser gewaltigen Völkerwanderung im Bereich des ehemaligen Deutschen Reiches nicht wenige, bekamen von der Lagerverwaltung provisorische Ausweispapiere ausgestellt. Eine Maßnahme, die diesen Menschen wieder zu ihrer damals so wichtigen Identifikation verhalf. Die neu in das Lager Eingewiesenen blieben die ersten drei Tage unter Quarantäne-Einschluss, eine Vorschrift, die der Früherkennung von Seuchen dienen sollte. Die amerikanische Militärregierung, von Haus aus überspitzte Hygiene-Verfechter, legte auf derlei Vorschriften allergrößten Wert. Das Lager Riederloh war, wie schon erwähnt, ursprünglich nur als Durchgangslager gedacht, das bedeutete, dass das Flüchtlingsamt bemüht war, möglichst rasch die Lagerbelegung umzuwälzen, indem es die eingewiesenen Menschen nach kurzer Zeit wieder auslagerte. Da in der Stadt Kaufbeuren für diese Auslagerungsmaßnahmen kein Platz mehr zur Verfügung stand, rekrutierte das Flüchtlingsamt Quartiere in den Landgemeinden des Landkreises, in die freilich auch Transporte direkt eingewiesen wurden (siehe Kapitel: Kaufbeuren und die Vertriebenen 1945/46). Die Gemeinden mussten dem Flüchtlingsamt Listen über solche Quartiere zur Verfügung stellen, die das Flüchtlingsamt an die Lagerverwaltung weiterreichte. Die Lagerleitung wählte die Auszulagernden aus, transportierte sie in die vorgesehenen Aufnahmegemeinden, wo sie die Bürgermeister und Flüchtlingsobleute in den beschlagnahmten Quartieren unterbringen sollten. Dabei kam es zum Teil zu Schreckensszenen, die den Vertriebenen, die bisher von Lager zu Lager, von Transport zu Transport geschleust worden waren, jetzt erst ihre tatsächliche Situation als heimatlose, ausgestoßene Bettler bewusst werden ließen. Ausgelagert wurden vorwiegend solche Personen, die an und für sich Sozialfälle waren, Alte, Mütter mit Kindern ohne Ernährer, Arbeitslose. Wer im Lager oder in der Umgebung Arbeit hatte, durfte wohnen bleiben, Vertreter des Kaufbeurer Arbeitsamtes kontrollierten dies. Ab 1947, als sich die bösen Schicksale der Ausgelagerten auf den Dörfern herumgesprochen hatten, als die Auslagerungen Gablonzer und Isergebirgler betrafen, die unbedingt im Umfeld des sich entwickelten neuen Gablonz bleiben wollten, kam es schon vor der Auslagerung im Lager zu erschütternden Szenen. Zwar wurden die Betroffenen nun von einer Kommission, bestehend aus Vertretern der Flüchtlingsämter Schwaben und Kaufbeuren und der Lagerleitung, angehört; an den Maßnahmen selbst wurde nichts geändert. Wen das Schicksal der Auslagerung traf, musste sich fügen. Es kam zu Zusammenrottungen, einmal wurde Flüchtlingskommissar Weigl tätlich bedroht, er konnte sich nur retten, indem er mit seinem Wagen flüchtete. Einige Betroffene mussten gewaltsam aus dem Lager entfernt werden. Ihre Verzweiflung war verständlich: Sie gingen einem ungewissen Schicksal entgegen, überdies im Bewusstsein, dass die Alteingesessenen der schon von Fremden überfüllten Gemeinden den Neubürgern zumindest ablehnend gegenüberstanden. Sie verloren, vorübergehend, die Hoffnung, durch Gablonzer Heimarbeit wenigstens eine geringe Summe für ihren Unterhalt verdienen zu können, Mütter bangten um die Ausbildungsmöglichkeiten ihrer Kinder und alle traf der Kummer, in Zukunft nicht mehr ausschließlich unter Ihresgleichen, durch Schicksalsgemeinschaft verbunden, leben zu können. Es muss aber auch angemerkt werden, dass sich manche Schicksale der Ausgelagerten zum Guten wendeten. Nicht wenige trafen auf Verständnis ihrer Lage bei den Alteingesessenen, knüpften Freundschaften, auch familiäre Bindungen ergaben sich, die mithalfen, das Dasein dieser Vertriebenen in Zukunft sehr positiv zu gestalten. Wer Arbeit und Unterkunft außerhalb des Lagers nachweisen konnte, durfte das Lager verlassen. Die Besiedlung des DAG-Geländes durch die Aufbau- und Siedlungsgesellschaft und durch Privatpersonen trug viel zur Entflechtung des Lagers Riederloh bei. Es existiert in Neugablonz eine große Anzahl ansehnlicher Gebäude und stattlicher Privatbesitze, deren Eigentümer bis zur Errichtung dieser Häuser im Lager Riederloh gelebt haben. Leer gewordene Barackenstuben wurden durch die Lagerleitung in Zusammenarbeit mit dem Lagerausschuss (siehe folgendes Kapitel) wieder belegt. Mangel an Lagerbewohnern gab es bis zur Lagerauflösung im Jahr 1954 niemals.
Der oben stehende Text wurde teilweise gekürzt,
leicht verändert von Peter Dittert.
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