Als ein Segen für die Lagerbewohner erwies sich die Errichtung des Lagerkindergartens im Januar 1947. Die vorschulpflichtigen Kinder kamen somit aus der Enge ihres Barackenstubendaseins heraus, ihre Familienangehörigen konnten besser ihrer Arbeit nachgehen, denn zu dieser Zeit waren die meisten der Barackenstuben zugleich auch „Werkstätten", in denen die Bewohner ihren Lebensunterhalt verdienten.

Der Lagerkindergarten war eine von der Wirtschafts­baracke, in der das Massenlager untergebracht war, abgetrennte kleine Stube. Seine Einrichtung war denkbar einfach. Die Lagerhandwerker hatten aus Fichtenholz Stühlchen und Tischchen gefertigt, die Textilfirma Momm in Kaufbeuren bunten Stoff für Vorhänge gespendet, ein Maler hübsche Bildchen an die Wände gemalt.

Als Kindergärtnerin verpflichtete das Landratsamt für das Lager Riederloh „Tante Lydia" aus Kaufbeuren, Lydia Schmid/Fischer. Sie hatte zuvor im evangelischen Privatkindergarten in der Altstadt gearbeitet und blieb auch in der Altstadt wohnen. Jeden Morgen außer sonntags marschierte sie bei gutem Wetter aus Sparsamkeitsgründen zu Fuß zum Lager hinauf, manchmal fuhr sie per Rad, nur wenn sehr schlechtes Wetter war, benützte sie den Autobus. Bis zur Auflösung des Kindergartens im Dezember 1952 betreute Tante Lydia ihre Schutzbefohlenen im Lager Riederloh, im Durchschnitt 25-30 Kinder. Die Anzahl der Kinder im Lager war verhältnismäßig niedrig, da, insbesondere in den Anfangsjahren, Familien, bzw. Mütter mit Kindern nach Möglichkeit in Landgemeinden ausgelagert worden waren. Der Besuch des Lagerkindergartens war kostenlos, er war von acht bis zwölf und von 14-17 Uhr geöffnet. Tante Lydia musste einige Fantasie aufwenden, um ihre Kinder zu betreuen und zu beschäftigen. Spiel­ und Bastelsachen waren kaum vorhanden. Für die alteingesessene Kaufbeurerin ergaben sich immer wieder einmal Möglichkeiten, diesem Mangel abzuhelfen. Tante Lydia gelang es, Papier zu besorgen für Flechtarbeiten, Textilreste, um Puppen zu basteln. Die Tischlerei lieferte ihr Holzklötzchen, Brettchen, aus denen sie Figuren aussägen konnte.

"Tante Lydia" mit den Kindern des Lager-Kindergartens (1949)

Ein beliebtes Spielzeug waren die Glassteine und Glasperlen, die die Kinder von ihren Eltern mitbrachten. Eine Sensation für die Kinder aber waren Bilderbücher, Puppen und Puppenwagen, mit denen Tante Lydia einst selbst gespielt hatte und die sie nun ihren Riederlohlager-Kindern schenkte. Viel Mühe machten die Kleinen der Kindergärtnerin nicht, überdies waren sie außerordentlich geschickt, wie Tante Lydia immer wieder feststellen konnte. Das Aufwachsen dieser Kinder inmitten der Arbeiten für die Gablonzer Industrie, ihre Mithilfe bei der Heimarbeit, schulten schon vorhandene Begabungen, was sich wiederum sehr positiv bei Spiel und Basteln im Kindergarten auswirkte.

Tante Lydia veranstaltete mit ihren Kindern viele Feste, feierte Fasching, Ostern, Schulanfang, Nikolaus, Weihnachten, ließ sich immer wieder neue Überraschungen für Kinder und Eltern einfallen. Im Sommer stand ihr und den Kindern die unberührte Natur in Wald und Wiesen rings ums Lager als großes Spielfeld uneingeschränkt zur Verfügung. Sie nützten dieses Angebot mit Freuden aus und erfanden für ihre Spielplätze in Wald und Flur eigene Namen, wie Hasenwiese, Pilzwiese, Kuckucksblumenwiese, Rehwiese. Die Bezeichnung „Rehwiese" ist in den Neugablonzer Sprachgebrauch als Flurname eingegangen, noch heute sprechen die alten Neugablonzer von der „Rehwiese", wenn sie den Bereich Proschwitzer Straße/Luxdorfer Weg meinen, auch wenn heute diese Rehwiese Wohngebiet und daher zum großen Teil zugebaut ist.

In einer weiteren abgeteilten Stube im Massenlagertrakt der Wirtschaftsbaracke hatte die Lagerleitung eine Kapelle eingerichtet. Sie war denkbar einfach ausgestattet mit einem Tisch, einem Kruzifix. Die Kapelle war im allgemeinen verschlossen, wer seine Andacht verrichten wollte, bekam den Schlüssel ausgehändigt. Sonn- und feiertags fanden hier Gottesdienste und Andachten statt, Kinder wurden hier getauft. Die Hauptgottesdienste wurden im großen Saal der Wirtschaftsbaracke zelebriert.


Der oben stehende Text wurde teilweise gekürzt und leicht verändert von Peter Dittert.
Der Text wurde mit freundlicher Genehmigung des Vorstands der Leutelt-Gesellschaft e.V. entnommen aus dem Buch:
„Neugablonz - Stadtteil der ehemals Freien Reichsstadt Kaufbeuren im Allgäu“
Entstehung und Entwicklung - Herausgegeben von der Leutelt-Gesellschaft durch Susanne Rössler und Gerhart Stütz

Das Buch mit dem vollständigen Text ist erhältlich für 35 Euro im örtlichen Buchhandel von Neugablonz oder direkt von der Leutelt-Gesellschaft, Waldstetter Gasse 10a, 73525 Schwäbisch-Gmünd, Tel. 07171/72705 - gerne bin ich Ihnen bei der Beschaffung des Buches behilflich -  Email : 
Peter Dittert