Das Alltagsleben im Lager Riederloh war, trotz Lagerordnung, Versorgung und Betreuung, zumindest, was den Ablauf des täglichen Lebens betraf, nicht einfach zu meistern. Vor allem die Frauen mussten viel guten Willen, Geschick, Humor und Einfallsreichtum aufbringen, um das Alltagsleben ihrer Familien in den Griff zu bekommen: Sie mussten sich bekümmern um Heizung, um Zusatzverpflegung, um Reinigung der Stube und Wäsche, sie halfen mit, Existenzen aufzubauen und dies alles unter denkbar schlechten Bedingungen. Einen winzigen Raum in Ordnung zu halten, in dem sechs, oft nicht zusammengehörige Personen lebten, in dem es keine Wasserleitung, kein Klosett gab, höchstens ein winziges Öfchen, für das das Brennmaterial zu besorgen war, den Mangel an allen Ecken und Enden des täglichen Bedarfs auszugleichen, war eine Mammutaufgabe für die Hausfrauen von damals, die überdies unterernährt und mit vielen seelischen Kümmernissen belastet waren. Auch diesbezüglich mag die Lager-Regel gelten: Anfangs und in den Monaten bis zur Währungsreform ließ sich der Lageralltag nur unter großen Schwierigkeiten handhaben, danach, als die gesamte Versorgung der Bevölkerung sich besserte, Existenzen geschaffen worden waren, sich das geschlossene Lager zum Wohnlager entwickelte, konnte man den Lageralltag leichter meistern, wenn auch nach wie vor unter primitiven Rahmenbedingungen.
Ein Problem war allein schon das Waschen. Zwar wurde nach Renovierung der Zentralheizung im Februar 1947 die Waschbaracke mit heißem Wasser versorgt und somit den Lagerbewohnern Gelegenheit zum Duschen geboten, aber diese Duschaktionen waren Gemeinschaftsaktionen. In Gruppen eingeteilt durften die Lagerbewohner, Männer und Frauen getrennt, zu bestimmten Zeiten die Duschräume aufsuchen. Nicht alle brachten die Freizügigkeit auf, an diesem Duschen in Gruppen teilzunehmen. Besonders ältere Frauen und Behinderte taten sich da schwer. Im allgemeinen wusch man sich sowieso in der Barackenstube, falls man eine Waschschüssel besaß oder eine „organisieren" konnte. Als Sichtschutz dienten die Schlafdecken.

Das Lagerleben 1947

Eine deprimierende Angelegenheit bedeutete für viele Lagerbewohner der Gang zur Toilette. Das Toilettenhaus war eine Baracke von fünf mal acht Metern, in der Mitte durch eine halbhohe Bretterwand in zwei Abteilungen unterteilt, eine bestimmt für Männer, eine für Frauen. Wer Humor besaßt, nannte es „Reichseinheitliches Donnerhaus!`. (Der Begriff „Reichseinheitlich" wurde im nationalsozialistischen Deutschen Reich spöttisch oder ironisch für alle Gleichschaltungsmaßnahmen von Regierung und Partei angewendet.) Seinen Spitznamen führte die Klo-Baracke nicht zu unrecht, sowohl in der Männer-, wie in der Frauenabteilung waren mehrere Sitzflächen nebeneinander ohne Zwischenwände angebracht, einfache Brettersitze mit Löchern darin, man konnte jedes Geräusch auch über die Trennwand hinweg vernehmen. Diese Klo-Besuche waren entwürdigend,
eine Strapaze für Alte und Kranke, im Winter eine Belastung für alle, auch für diejenigen, die ihren Klo-Gang benutzten, um sich über den neuesten Lagerklatsch zu informieren.


 Denn Unterhaltungen gab's im „Donnerhäuschen" immer, auch ein stummer Zuhörer kam auf dieser Nachrichtenbörse auf seine Kosten. Ein weiteres großes Problem war das Heizen der Barackenstuben. Zwar waren im kalten Winter 1946/ 47 Öfchen angeliefert oder aus Abfällen konstruiert worden, aber es gab kein Heizmaterial. Die amerikanische Besatzungsmacht hatte Kohlelieferungen an die Deutschen untersagt. Die Ruhrkohle wurde als Reparationsgut deklariert. Also mussten sich die Lagerbewohner selbst Heizmaterial beschaffen, nahe liegend, Holz aus dem DAG-Gelände. Das Forstamt wies den Lagerbewohnern pro Sechser-Stube einen Ster Holz zu. Das Holz mussten die Lagerleute selbst schlagen, zerkleinern, in ihre Stuben transportieren, Werkzeuge und Fahrzeuge besaßen sie nicht, es blieb dem Geschick des einzelnen überlassen, wie er sein Heizmaterial in die Stube brachte. Das geschlagene Holz war grün, daher feucht, es musste in den Stuben vorgetrocknet werden. Dennoch qualmten die kleinen Öfchen mit ihren provisorischen Abzügen durch die Barackenwände jämmerlich. Es ging dabei nicht nur ums Heizen, es ging auch ums Kochen. Die Minimalverpflegung in den ersten Jahren, die die Lagerbewohner zugeteilt bekamen, machte nie satt, also versuchten die Menschen, auf eigene Faust etwas Essbares zusätzlich zu ergattern. Das konnten sie, wenn sie genügend Geld oder Tauschware zur Verfügung hatten, am „Schwarzen Markt". Sie konnten auch im Sommer und im Herbst Pilze, Beeren, Bucheckern sammeln, die gab es im Wald rings ums Lager.
Kräuter für Tees, Hagebutten für Brotaufstrich, Holunder für Suppe, Löwenzahn für Salat und anderes mehr, was die Natur anbot, ernteten die Lagerbewohner. Nur Zutaten, um diese Angebote der Natur zuzubereiten, gab es nicht. Die Hausfrauen entwickelten damals bewundernswerte Kochkünste ! Man konnte auch hamstern in die umliegenden Dörfer gehen. Genau genommen, war dieses Hamstern ein Betteln um einen oder zwei Kartoffeln, ein paar Löffel Milch, ein bisschen Mehl. Dies war nicht jedermanns Sache, empfindliche Gemüter kamen von solchen Hamstergängen sehr oft weinend zurück in ihre Barackenstuben. Nicht selten hatten diejenigen Glück, die die Hirschzeller Abfallhalde der US-Army nach etwas Essbarem absuchten. Die Amerikaner warfen haufenweise Essbares weg, was Deutsche noch gut ernährte. Aber wie diese Zusatzverpflegung zubereiten? Das Kochen auf den kleinen Öfchen war eine mühsame Sache. Elektrische Kochplatten einfachster Art mit offenliegenden Heizspiralen, die es dann und wann zu kaufen gab, durften wegen Brandgefahr in den Barackenstuben nicht verwendet werden. Eine Erfindung der Lagerbewohner half ein wenig weiter: Einfach konstruierte „Tischöfchen", die mit Holzabfällen beheizt werden konnten. Auch deren Benutzung war verboten, sie war jedoch über den Stromverbrauch nicht kontrollierbar. Die Koch-Situation besserte sich erst, als die ersten Küchenherde angeliefert wurden. Auch das Wäschewaschen war mit großen Schwierigkeiten und Anstrengungen verbunden. Die meisten der Hausfrauen wuschen ihre Wäsche in ihren Stuben, falls sie „Wäschewannl" zur Verfügung hatten. Waschbretter konstruierten die Lagerbewohner selbst aus Holzbrettchen. Es gab Familien, die ihren einzigen Topf für beides benützten, fürs Kochen und fürs Wäschewaschen. Manche Frauen machten im Freien ein offenes Feuer und kochten darüber im eigenen oder geliehenen Wäschetopf ihre Weißwäsche. Die Bewohner des Massenlagers eroberten sich mit der Zeit einen Abstellraum neben der Küche, den sie zur Waschküche umfunktionierten. Seife und Waschpulver gab es nur auf Zuteilung, beides war von sehr schlechter Qualität.
Es war aber nicht nur die körperlich schwere Arbeit, die unzulänglichen Mittel, die dieses Wäschewaschen so beschwerlich machten, die Wäschestücke selbst mussten äußerst pfleglich behandelt werden. In der Zeit vor der Währungsreform war nicht abzusehen, ob und wann die Vertriebenen einmal neue Bekleidung bekommen würden. Die Vertriebenen hatten ja nur wenig Wäsche und Kleidung von zu Haus mitnehmen dürfen. Diejenigen, die schon 1945 ausgetrieben worden waren, besaßen oft nur das, was sie am Körper trugen.

Die "Fischl-Anna" (Anna Hoffmann) versorgte die Lagerbewohner mit Obst und Gemüse (1949)

Die Schusterwerkstatt im Lager Riederloh (von links: Robert Seibt, Endler-Schuster)

Schlimm waren jene dran, die vor ihrer endgültigen Austreibung monate-, ja jahrelang in Zwangsarbeitslagern oder bei Zwangsarbeitseinsätzen ihr letztes bisschen gerettete Kleidung und Wäsche verschlissen hatten. Es gab im Lager Frauen und Kinder, die sich in ihre Schlafdecken hüllen mussten, wenn Wäsche gewaschen wurde, denn sie besaßen nur eine einzige Wäschegarnitur. Frau Fuchs, die Frau des letzten Lagerobmannes Alfred Fuchs, die mit ihrer Familie nach einer schlimmen Zeit der Verschleppung zur Zwangsarbeit ins Innere Böhmens 1948 im Lager Riederloh ankam, besaß als einziges Kleidungsstück nur einen Morgenmantel aus blauem Samt, Alfred Fuchs nur eine zerrissene Hose, ein kariertes Hemd und eine Schlosserjacke, die beiden Töchter mussten sich in ein Paar Schuhe teilen. Nadeln, Nähzeug und Bügeleisen waren in dieser Frühzeit des Lagers Riederloh ebenfalls Kostbarkeiten, Nähnadeln und Bügeleisen wurden unter Freunden ausgeliehen. Nähmaschinen gab es selbstverständlich nicht. Wer sich aus Textilresten etwas nähen wollte, sich Gebrauchtkleidung, die dann und wann im Lager Riederloh verteilt wurde, richten wollte, musste das per Handarbeit tun.
Die Frauen und Mädchen scheuten auch dabei keine Mühe, einmal aus Notwendigkeit, zum anderen auch deshalb, weil es ihnen Freude bereitete. Etwas Schönes zu verfertigen, war damals auch eine Art Kampfansage an das graue Alltagsleben. Sie verwendeten für ihre Näh- und Schneiderarbeiten jedes Textilstückchen, dessen sie habhaft werden konnten. Eine Glücksstunde bedeutete es für das Küchenpersonal, als es in einem abgelegenen Eckchen der Wirtschaftsbaracke Ärmelstücke von ehemaliger KZ-Kleidung fand. Die Frauen des Küchenpersonals nähten daraus Schürzen und Arbeitskittel, diese gestreiften Relikte einer bösen Zeit leisteten ihnen sehr gute Dienste. 1948, als die ersten Bälle im Lager Riederloh gefeiert wurden, kam ein wenig Glanz in die armselige Vertriebenen-Garderobe: Irgendwie war es gelungen, am Fliegerhorst Kaufbeuren Reste von Fallschirmseide aufzutreiben. Daraus ließen sich wunderschöne Abendkleider nähen, per Hand, selbstverständlich. Für die im Lager stattfindenden Maskenbälle richteten sich die Lagerbewohner mit viel Fantasie und Fleiß solch originelle Kostüme her, dass sie sich gegenseitig ehrlich bestaunten.
So gut es ging, richteten sich die Lagerbewohner in ihren Stuben häuslich ein. Diejenigen, die erst in der zweiten Hälfte des Jahres 1946 aus ihrer Heimat vertrieben worden waren, waren dabei im Vorteil, sie hatten, da die Tschechen nun die gestatteten 50 Kilogramm Gepäck nicht mehr so schikanös durchsuchten und filzten wie die Monate zuvor, einiges mehr an Hausrat retten können, wie Tisch- und Bettwäsche, ein Bild, eine Blumenvase. Wer dies nicht besaß, behalf sich mit leeren Konservendosen als Vase, mit Packpapier, so weit zu erstehen, als Tischdecke. Beliebt waren die Munitionskisten, die sich im DAG-Gelände fanden, sie konnte man sehr gut als Blumenkästen verwenden.
Nach der Währungsreform erwarben sich diejenigen Lagerbewohner, die Arbeit und Einkommen hatten, einzelne Möbelstücke, aus den Notunterkünften wurden so zwar kleine und primitive, doch recht gemütliche Behausungen.
Weniger angenehm für die Gesamtheit der Lagerbewohner war es, dass man nach der Währungsreform wieder Radioapparate erwerben konnte. Dadurch nahm die Lärmbelästigung in den hellhörigen Baracken unangenehm zu, so dass die Lagerleitung mehrmals Verordnungen erlassen musste, die Radios auf Zimmerlautstärke einzustellen. Was kaum durchführbar war, in einer Barackenstube hätte „Zimmerlautstärke" Lautlosigkeit bedeutet. Eisschränke zum Aufbewahren der Lebensmittel gab es nicht. Die Barackenstubenbewohner wussten sich auch in diesem Fall zu helfen. Sie lösten Dielenbretter los und gruben in den darunter liegenden Erdboden ein Loch, fertig war ihr Vorratskeller. Die Dielenbretter wurden wieder über das Loch gelegt und bei Bedarf erneut entfernt. Diese Erdlöcher bewährten sich sehr gut bei der Aufbewahrung von Lebensmitteln - wenn man welche hatte!
Das, was Gablonzer Facharbeiter schon in den Sammellagern in Kaufbeuren praktiziert hatten, mit Respekt von den Einheimischen anerkannt, praktizierten auch die Bewohner des Lagers Riederloh: Sobald sie ein Dach über dem Kopf hatten, begannen sie zu arbeiten.
Nun bietet die Gablonzer Glas- und Schmuckwarenindustrie sehr gute Voraussetzungen, dies durchzuführen. In Notzeiten geht es in der Gablonzer Industrie auch ohne Maschinen, ohne Werkstätten oder Fabriken, ohne viel Handwerkszeug, ohne großen Energiebedarf. „En Kichentisch und a Zängl, mie brauchn rar ne" (einen Küchentisch und eine kleine Zange, mehr brauchen wir nicht), um wieder anfangen zu können, hieß damals die Parole. Und danach verfuhren auch die Gablonzer Facharbeiter mit ihren Familien im Lager Riederloh. Was sie benötigten, um den Neubeginn zu starten, waren Können, Fleiß, Umsichtigkeit, Erfahrung, technische Wendigkeit und Organisationstalent. Dies alles hatten sie aus ihrer Heimat mitbringen können, dies alles hatte man ihnen nicht rauben können. Und so begannen sie in ihren Barackenstuben mit der Herstellung von Schmuckwaren. Freilich nicht ohne Hemmnisse: Wegen Feuergefahr durften in den Baracken keine Glaskurzwaren hergestellt werden und es durfte nicht gelötet werden. Die ersten Neugablonzer Glaswarenhersteller errichteten folglich ihre Werkstätten in den Bunkern des DAG-Geländes. In den Barackenstuben wurde Heimarbeit gemacht, wie Glassteine und Glasknöpfe geschert, Kolliers gefädelt, Glaskurzwaren bemalt, Glasknöpfe auf Karten genäht. Diese Arbeiten, meist von Frauen wahrgenommen, brachten zwar nicht viel ein, aber sie boten doch eine kleine Existenzgrundlage. Besser waren die Gürtler dran, mehrere Gürtlerwerkstätten entstanden im Lager Riederloh. Als Material dienten den Gürtlern vor der Währungsreform Metallzuteilungen auf Bezugsschein, Metallabfälle aus dem DAG-Gelände und amerikanische Konservenbüchsen. Rohstofflieferanten besonderer Art waren US-Soldaten. Es hatte sich herumgesprochen, dass es im Lager Riederloh Leute gibt, die prächtige Souvenirs herzustellen vermögen. Die „Amis" lieferten Silbermünzen an als Material für diese prächtigen Souvenirs, mit denen sie in erster Linie ihren „deutschen Frauleins" imponieren wollten. Einmal gab ein US-Soldat einem Gürtler den Auftrag, drei Armbänder mit drei verschiedenen deutschen Namenszügen herzustellen.
Seine Begründung dafür: „Oine von die drei wird mir sicher heiraten und mit mir gehen nach USA!"
Die Gürtler im Lager Riederloh arbeiteten vor der Währungsreform mit einfachstem Handwerkszeug, alle ihre Produkte waren in Handarbeit hergestellt. Findig, wie sie waren, wurden sie auch mit den Schwierigkeiten ihrer Lagerumgebung fertig. Sie konstruierten eigene Stromaggregate, um die mangelnde Stromversorgung auszugleichen. Sie erwirkten über die Regierung von Schwaben, dass sie im Keller der Wirtschaftsbaracke Lötplätze einrichten durften. Ganz und gar unabhängig von der Lagerleitung machte sich der Gürtler Kurt Wenzel, er erbaute sich im Schupfenbereich des Lagers eine eigene Werkstatt. Bretter für Wände und Fußboden hatte er sich im Tauschverfahren gegen mitgebrachte Goldstücke besorgt, als Eckpfeiler verwendete er Fichtenstämme, das Dach war aus Dachpappe. Die Wände konstruierte er in doppelter Ausführung, zwischen die Wände füllte er Asche aus der Glashütte. Das hielt schön warm. Vier kleine unverglaste Fensteröffnungen erhellten diese „Werkstatt", in der Kurt Wenzel nun ungestört mit Karbid seine Schmuckstücke löten konnte.
Es wurde im Lager Riederloh so viel und so fleißig gearbeitet, dass die Lagerleitung Verordnungen erlassen musste, wonach „Arbeiten, die Lärm verursachen, nur zwischen sechs Uhr früh und 20 Uhr abends durchgeführt werden dürfen".

Auch Handwerker errichteten im Lager Riederloh kleine Werkstätten und schafften sich somit erste Existenzen nach ihrer Vertreibung. Sie trugen erheblich zur Versorgung der Lagerbewohner bei. Ein sehr begehrter Mann war der „Neumann-Schlosser". Er hatte sich eine Unterkunft am Rande des Lagers erbaut und verstand es ausgezeichnet, aus Abfällen Werkzeuge und Hausrat herzustellen. Die Baracke 11 des Lagers war die „Handwerksbaracke", hier hatten ein Schneider, ein Schuster und ein Friseur Unterkommen gefunden. Zwar sollten diese vorwiegend für die Lagerbewohner selbst, auf eigene Rechnung allerdings, arbeiten, doch mehr und mehr zogen sie auch Kundschaft von auswärts an. Nicht ungern, denn die Einheimischen darunter zahlten in Lebensmitteln!
Die Handwerker waren aber auch übel dran, was die Materialzuteilung betraf. So bekamen die Menschen damals pro halbes Jahr nur einen Schuhreparaturschein pro Person zugewiesen. Auf diesen Schein wiederum wurden dem Schuster 32 Gramm Gummi für Schuhsohlen von der Verteilerstelle zugeteilt. Kundschaft von außerhalb des Lagers brachte da schon manches Mal Rohmaterial mit, wie alte Treibriemen, Autoreifen, alte Schultaschen und ähnliches Material (Kunststoffe gab es noch nicht). Damit konnte der Lagerschuster schon allerhand anfangen. Nägel besorgte er sich selbst aus den Trümmern des DAG-Geländes, verrostete und verbogene Stücke, die die Schustergesellen in oft stundenlanger Arbeit wieder herrichteten.
Nach der Währungsreform, als manche Lagerbewohner Selbstverpfleger wurden und von der städtischen Kartenstelle entsprechend mit Lebensmittelkarten versorgt waren, richtete sich der Kolonialwaren-Händler Preißler im Schupfengelände des Lagers einen Verkaufskiosk ein, auf ähnliche Art wie der Gürtler Wenzel seine Werkstatt. Besser war der „Streit-Fleischer" dran, der 1951 im Magazin-Haus des Lagers ein Ladenlokal einrichten durfte. Die Fleischerei Streit bestand dort viele Jahre, über die Lagerauflösung hinaus.
Eine Versorgungsstelle des Lagers, schon vor der Währungsreform, war die Wache. Sie vertrieb die damals sehr beliebte „Käsewurst", hergestellt aus Molke-Mischungen von der im DAG-Gelände ansässigen Käserei Neumayer. Diese „Wurstfülle" war versetzt mit unterschiedlichen Gewürzstoffen. Was halt gerade vorhanden war, wurde dafür verwendet. Sie war daher stets für Überraschungen gut, weil sie nie gleich schmeckte. Käsewurst war ohne Marken zu haben, die Wachmänner verkauften sie scheibenweise, die Scheibe 20 Pfennig.
Aber es ging im Handel und Wandel des Lagers Riederloh nicht nur legal zu: Hier blühte auch der Schwarzhandel. Der Schwarzhandel, der damals praktisch alle Dinge des täglichen Bedarfes und der Gablonzer Industrie betreffen konnte, war schwer verboten. Die Polizei, deutsche und amerikanische, setzte immer wieder Razzien an, verhaftete Schwarzhändler. Doch auszurotten war er nicht. Wie sollte er auch, er war lebensnotwendig und zudem eine Art Protest gegen die Besatzungsmacht und deren Aushungerungsmaßnahmen der deutschen Bevölkerung gegenüber.
Der Schwarze Markt im Lager Riederloh florierte auch deswegen so gut, weil viele Lagerbewohner begehrte Tauschware, wie Glasknöpfe, Gablonzer Schmuck, anbieten konnten. Die begehrteste Währung des Schwarzen Marktes, der sich nach der Währungsreform bald auflöste, waren Zigaretten, Sacharin und Feuersteine.
Lukrative Geschäftspartner des Schwarzen Marktes im Lager Riederloh waren die amerikanischen Soldaten. Gegen Schmuck tauschten sie nicht nur Lebensmittel, sie „zahlten" auch mit Nylon-Strümpfen, Bekleidung aus Army-Beständen, Benzin usw. In den Kasernengeländen der amerikanischen Besatzungsmacht waren so genannte „PX-Läden" (Post-Exchange-Läden) eingerichtet worden, dort konnten die Besatzer zollfrei alles kaufen, was das Herz begehrte, gegen Dollar, versteht sich. Deutschen war der Zutritt zu den PXLäden verboten, auch wenn sie als Hilfskräfte in den Kasernen arbeiteten. Aber, als ab 1946 das zuvor sehr streng gehandhabte Fraternisierungsverbot zwischen Amerikanern und Deutschen sich zu lockern begann, kamen immer mehr Deutsche auf dem Umweg über Amerikaner auch zu PX-Waren. Eine maßgebliche Rolle spielten bei dieser illegalen Versorgung die deutschen „Frauleins", begehrt bei den US-Soldaten und in ausreichend großer Zahl vorhanden. Im Lager Riederloh gab es eine 70jährige Oma, die in ihrer Barackenstube, die sie, was ja verwundern musste, allein bewohnen durfte, alles anzubieten hatte, was der Schwarze Markt an Lebensmitteln und Gebrauchsgegenständen hergab. Zu entsprechend hohen Preisen. So kostete eine Stange amerikanischer Zigaretten, bestehend aus zehn Schachteln zu je 20 Stück, 1000 Reichsmark, ein Stück Butter 80-120 Reichsmark, ein Paar Nylon-Strümpfe, begehrte Neuheit für Deutsche, 300 Mark.
Niemand wusste genau, woher die geschäftstüchtige Oma ihre Ware bezog. Einmal beschlagnahmte eine Polizei-Razzia ihr gesamtes Lager. Am nächsten Morgen war es wieder gefüllt. Dieser Aspekt des Lagers Riederloh verlieh dieser Massenunterkunft eine besondere Note, die nicht unterschätzt werden darf. Das Lager Riederloh war zentraler Umschlagplatz auch für die Bewohner des DAG-Geländes Kaufbeuren-Hart und für manche der umliegenden Ortschaften. Somit war es auch Nachrichtenbörse, es war ein beliebtes Kommunikationszentrum. Im Lager Riederloh erfuhr man nicht nur alle Neuigkeiten, man konnte Geschäftsverbindungen anknüpfen, Freunde und Verwandte über dieses Nachrichtenbüro ausfindig machen, legale und auch illegale Tipps für mancherlei Dinge und Tätigkeiten einholen.


Der oben stehende Text wurde teilweise gekürzt und leicht verändert von Peter Dittert.
Der Text wurde mit freundlicher Genehmigung des Vorstands der Leutelt-Gesellschaft e.V. entnommen aus dem Buch:
„Neugablonz - Stadtteil der ehemals Freien Reichsstadt Kaufbeuren im Allgäu“
Entstehung und Entwicklung - Herausgegeben von der Leutelt-Gesellschaft durch Susanne Rössler und Gerhart Stütz

Das Buch mit dem vollständigen Text ist erhältlich für 35 Euro im örtlichen Buchhandel von Neugablonz oder direkt von der Leutelt-Gesellschaft, Waldstetter Gasse 10a, 73525 Schwäbisch-Gmünd, Tel. 07171/72705 - gerne bin ich Ihnen bei der Beschaffung des Buches behilflich -  Email : 
Peter Dittert