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Das Alltagsleben im Lager Riederloh war, trotz Lagerordnung, Versorgung und
Betreuung, zumindest, was den Ablauf des täglichen Lebens betraf, nicht einfach
zu meistern. Vor allem die Frauen mussten viel guten Willen, Geschick, Humor und
Einfallsreichtum aufbringen, um das Alltagsleben ihrer Familien in den Griff zu
bekommen: Sie mussten sich bekümmern um Heizung, um Zusatzverpflegung, um
Reinigung der Stube und Wäsche, sie halfen mit, Existenzen aufzubauen und dies
alles unter denkbar schlechten Bedingungen. Einen winzigen Raum in Ordnung zu
halten, in dem sechs, oft nicht zusammengehörige Personen lebten, in dem es
keine Wasserleitung, kein Klosett gab, höchstens ein winziges Öfchen, für das
das Brennmaterial zu besorgen war, den Mangel an allen Ecken und Enden des
täglichen Bedarfs auszugleichen, war eine Mammutaufgabe für die Hausfrauen von
damals, die überdies unterernährt und mit vielen seelischen Kümmernissen
belastet waren. Auch diesbezüglich mag die Lager-Regel gelten: Anfangs und in
den Monaten bis zur Währungsreform ließ sich der Lageralltag nur unter großen
Schwierigkeiten handhaben, danach, als die gesamte Versorgung der Bevölkerung
sich besserte, Existenzen geschaffen worden waren, sich das geschlossene Lager
zum Wohnlager entwickelte, konnte man den Lageralltag leichter meistern, wenn
auch nach wie vor unter primitiven Rahmenbedingungen.
Ein Problem war allein schon das Waschen. Zwar wurde nach Renovierung der
Zentralheizung im Februar 1947 die Waschbaracke mit heißem Wasser versorgt und
somit den Lagerbewohnern Gelegenheit zum Duschen geboten, aber diese
Duschaktionen waren Gemeinschaftsaktionen. In Gruppen eingeteilt durften die
Lagerbewohner, Männer und Frauen getrennt, zu bestimmten Zeiten die Duschräume
aufsuchen. Nicht alle brachten die Freizügigkeit auf, an diesem Duschen in
Gruppen teilzunehmen. Besonders ältere Frauen und Behinderte taten sich da
schwer. Im allgemeinen wusch man sich sowieso in der Barackenstube, falls man
eine Waschschüssel besaß oder eine „organisieren" konnte. Als Sichtschutz
dienten die Schlafdecken.
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Das Lagerleben 1947 |
Eine deprimierende Angelegenheit bedeutete für
viele Lagerbewohner der Gang zur Toilette. Das Toilettenhaus war eine
Baracke von fünf mal acht Metern, in der Mitte durch eine halbhohe
Bretterwand in zwei Abteilungen unterteilt, eine bestimmt für Männer, eine
für Frauen. Wer Humor besaßt, nannte es „Reichseinheitliches Donnerhaus!`.
(Der Begriff „Reichseinheitlich" wurde im nationalsozialistischen Deutschen
Reich spöttisch oder ironisch für alle Gleichschaltungsmaßnahmen von
Regierung und Partei angewendet.) Seinen Spitznamen führte die Klo-Baracke
nicht zu unrecht, sowohl in der Männer-, wie in der Frauenabteilung waren
mehrere Sitzflächen nebeneinander ohne Zwischenwände angebracht, einfache
Brettersitze mit Löchern darin, man konnte jedes Geräusch auch über die
Trennwand hinweg vernehmen. Diese Klo-Besuche waren entwürdigend,
eine Strapaze für Alte und Kranke, im Winter eine Belastung für alle, auch
für diejenigen, die ihren Klo-Gang benutzten, um sich über den neuesten
Lagerklatsch zu informieren. |
Denn Unterhaltungen gab's im „Donnerhäuschen" immer, auch ein stummer
Zuhörer kam auf dieser Nachrichtenbörse auf seine Kosten. Ein weiteres großes
Problem war das Heizen der Barackenstuben. Zwar waren im kalten Winter 1946/ 47
Öfchen angeliefert oder aus Abfällen konstruiert worden, aber es gab kein
Heizmaterial. Die amerikanische Besatzungsmacht hatte Kohlelieferungen an die
Deutschen untersagt. Die Ruhrkohle wurde als Reparationsgut deklariert. Also
mussten sich die Lagerbewohner selbst Heizmaterial beschaffen, nahe liegend,
Holz aus dem DAG-Gelände. Das Forstamt wies den Lagerbewohnern pro Sechser-Stube
einen Ster Holz zu. Das Holz mussten die Lagerleute selbst schlagen,
zerkleinern, in ihre Stuben transportieren, Werkzeuge und Fahrzeuge besaßen sie
nicht, es blieb dem Geschick des einzelnen überlassen, wie er sein Heizmaterial
in die Stube brachte. Das geschlagene Holz war grün, daher feucht, es musste in
den Stuben vorgetrocknet werden. Dennoch qualmten die kleinen Öfchen mit ihren
provisorischen Abzügen durch die Barackenwände jämmerlich. Es ging dabei nicht
nur ums Heizen, es ging auch ums Kochen. Die Minimalverpflegung in den ersten
Jahren, die die Lagerbewohner zugeteilt bekamen, machte nie satt, also
versuchten die Menschen, auf eigene Faust etwas Essbares zusätzlich zu
ergattern. Das konnten sie, wenn sie genügend Geld oder Tauschware zur Verfügung
hatten, am „Schwarzen Markt". Sie konnten auch im Sommer und im Herbst Pilze,
Beeren, Bucheckern sammeln, die gab es im Wald rings ums Lager.
Kräuter für Tees, Hagebutten für Brotaufstrich, Holunder für Suppe, Löwenzahn
für Salat und anderes mehr, was die Natur anbot, ernteten die Lagerbewohner. Nur
Zutaten, um diese Angebote der Natur zuzubereiten, gab es nicht. Die Hausfrauen
entwickelten damals bewundernswerte Kochkünste ! Man konnte auch hamstern in die
umliegenden Dörfer gehen. Genau genommen, war dieses Hamstern ein Betteln um
einen oder zwei Kartoffeln, ein paar Löffel Milch, ein bisschen Mehl. Dies war
nicht jedermanns Sache, empfindliche Gemüter kamen von solchen Hamstergängen
sehr oft weinend zurück in ihre Barackenstuben. Nicht selten hatten diejenigen
Glück, die die Hirschzeller Abfallhalde der US-Army nach etwas Essbarem
absuchten. Die Amerikaner warfen haufenweise Essbares weg, was Deutsche noch gut
ernährte. Aber wie diese Zusatzverpflegung zubereiten? Das Kochen auf den
kleinen Öfchen war eine mühsame Sache. Elektrische Kochplatten einfachster Art
mit offenliegenden Heizspiralen, die es dann und wann zu kaufen gab, durften
wegen Brandgefahr in den Barackenstuben nicht verwendet werden. Eine Erfindung
der Lagerbewohner half ein wenig weiter: Einfach konstruierte „Tischöfchen", die
mit Holzabfällen beheizt werden konnten. Auch deren Benutzung war verboten, sie
war jedoch über den Stromverbrauch nicht kontrollierbar. Die Koch-Situation
besserte sich erst, als die ersten Küchenherde angeliefert wurden. Auch das
Wäschewaschen war mit großen Schwierigkeiten und Anstrengungen verbunden. Die
meisten der Hausfrauen wuschen ihre Wäsche in ihren Stuben, falls sie „Wäschewannl"
zur Verfügung hatten. Waschbretter konstruierten die Lagerbewohner selbst aus
Holzbrettchen. Es gab Familien, die ihren einzigen Topf für beides benützten,
fürs Kochen und fürs Wäschewaschen. Manche Frauen machten im Freien ein offenes
Feuer und kochten darüber im eigenen oder geliehenen Wäschetopf ihre Weißwäsche.
Die Bewohner des Massenlagers eroberten sich mit der Zeit einen Abstellraum
neben der Küche, den sie zur Waschküche umfunktionierten. Seife und Waschpulver
gab es nur auf Zuteilung, beides war von sehr schlechter Qualität.
Es war aber nicht nur die körperlich schwere Arbeit, die unzulänglichen Mittel,
die dieses Wäschewaschen so beschwerlich machten, die Wäschestücke selbst
mussten äußerst pfleglich behandelt werden. In der Zeit vor der Währungsreform
war nicht abzusehen, ob und wann die Vertriebenen einmal neue Bekleidung
bekommen würden. Die Vertriebenen hatten ja nur wenig Wäsche und Kleidung von zu
Haus mitnehmen dürfen. Diejenigen, die schon 1945 ausgetrieben worden waren,
besaßen oft nur das, was sie am Körper trugen.
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Die "Fischl-Anna" (Anna Hoffmann) versorgte
die Lagerbewohner mit Obst und Gemüse (1949) |
Die Schusterwerkstatt im Lager Riederloh (von
links: Robert Seibt, Endler-Schuster) |
Schlimm waren jene dran, die vor ihrer endgültigen Austreibung monate-, ja
jahrelang in Zwangsarbeitslagern oder bei Zwangsarbeitseinsätzen ihr letztes
bisschen gerettete Kleidung und Wäsche verschlissen hatten. Es gab im Lager
Frauen und Kinder, die sich in ihre Schlafdecken hüllen mussten, wenn Wäsche
gewaschen wurde, denn sie besaßen nur eine einzige Wäschegarnitur. Frau Fuchs,
die Frau des letzten Lagerobmannes Alfred Fuchs, die mit ihrer Familie nach
einer schlimmen Zeit der Verschleppung zur Zwangsarbeit ins Innere Böhmens 1948
im Lager Riederloh ankam, besaß als einziges Kleidungsstück nur einen
Morgenmantel aus blauem Samt, Alfred Fuchs nur eine zerrissene Hose, ein
kariertes Hemd und eine Schlosserjacke, die beiden Töchter mussten sich in ein
Paar Schuhe teilen. Nadeln, Nähzeug und Bügeleisen waren in dieser Frühzeit des
Lagers Riederloh ebenfalls Kostbarkeiten, Nähnadeln und Bügeleisen wurden unter
Freunden ausgeliehen. Nähmaschinen gab es selbstverständlich nicht. Wer sich aus
Textilresten etwas nähen wollte, sich Gebrauchtkleidung, die dann und wann im
Lager Riederloh verteilt wurde, richten wollte, musste das per Handarbeit tun.
Die Frauen und Mädchen scheuten auch dabei keine Mühe, einmal aus Notwendigkeit,
zum anderen auch deshalb, weil es ihnen Freude bereitete. Etwas Schönes zu
verfertigen, war damals auch eine Art Kampfansage an das graue Alltagsleben. Sie
verwendeten für ihre Näh- und Schneiderarbeiten jedes Textilstückchen, dessen
sie habhaft werden konnten. Eine Glücksstunde bedeutete es für das
Küchenpersonal, als es in einem abgelegenen Eckchen der Wirtschaftsbaracke
Ärmelstücke von ehemaliger KZ-Kleidung fand. Die Frauen des Küchenpersonals
nähten daraus Schürzen und Arbeitskittel, diese gestreiften Relikte einer bösen
Zeit leisteten ihnen sehr gute Dienste. 1948, als die ersten Bälle im Lager
Riederloh gefeiert wurden, kam ein wenig Glanz in die armselige
Vertriebenen-Garderobe: Irgendwie war es gelungen, am Fliegerhorst Kaufbeuren
Reste von Fallschirmseide aufzutreiben. Daraus ließen sich wunderschöne
Abendkleider nähen, per Hand, selbstverständlich. Für die im Lager
stattfindenden Maskenbälle richteten sich die Lagerbewohner mit viel Fantasie
und Fleiß solch originelle Kostüme her, dass sie sich gegenseitig ehrlich
bestaunten.
So gut es ging, richteten sich die Lagerbewohner in ihren Stuben häuslich ein.
Diejenigen, die erst in der zweiten Hälfte des Jahres 1946 aus ihrer Heimat
vertrieben worden waren, waren dabei im Vorteil, sie hatten, da die Tschechen
nun die gestatteten 50 Kilogramm Gepäck nicht mehr so schikanös durchsuchten und
filzten wie die Monate zuvor, einiges mehr an Hausrat retten können, wie Tisch-
und Bettwäsche, ein Bild, eine Blumenvase. Wer dies nicht besaß, behalf sich mit
leeren Konservendosen als Vase, mit Packpapier, so weit zu erstehen, als
Tischdecke. Beliebt waren die Munitionskisten, die sich im DAG-Gelände fanden,
sie konnte man sehr gut als Blumenkästen verwenden.
Nach der Währungsreform erwarben sich diejenigen Lagerbewohner, die Arbeit und
Einkommen hatten, einzelne Möbelstücke, aus den Notunterkünften wurden so zwar
kleine und primitive, doch recht gemütliche Behausungen.
Weniger angenehm für die Gesamtheit der Lagerbewohner war es, dass man nach der
Währungsreform wieder Radioapparate erwerben konnte. Dadurch nahm die
Lärmbelästigung in den hellhörigen Baracken unangenehm zu, so dass die
Lagerleitung mehrmals Verordnungen erlassen musste, die Radios auf
Zimmerlautstärke einzustellen. Was kaum durchführbar war, in einer Barackenstube
hätte „Zimmerlautstärke" Lautlosigkeit bedeutet. Eisschränke zum Aufbewahren der
Lebensmittel gab es nicht. Die Barackenstubenbewohner wussten sich auch in
diesem Fall zu helfen. Sie lösten Dielenbretter los und gruben in den darunter
liegenden Erdboden ein Loch, fertig war ihr Vorratskeller. Die Dielenbretter
wurden wieder über das Loch gelegt und bei Bedarf erneut entfernt. Diese
Erdlöcher bewährten sich sehr gut bei der Aufbewahrung von Lebensmitteln - wenn
man welche hatte!
Das, was Gablonzer Facharbeiter schon in den Sammellagern in Kaufbeuren
praktiziert hatten, mit Respekt von den Einheimischen anerkannt, praktizierten
auch die Bewohner des Lagers Riederloh: Sobald sie ein Dach über dem Kopf
hatten, begannen sie zu arbeiten.
Nun bietet die Gablonzer Glas- und Schmuckwarenindustrie sehr gute
Voraussetzungen, dies durchzuführen. In Notzeiten geht es in der Gablonzer
Industrie auch ohne Maschinen, ohne Werkstätten oder Fabriken, ohne viel
Handwerkszeug, ohne großen Energiebedarf. „En Kichentisch und a Zängl, mie
brauchn rar ne" (einen Küchentisch und eine kleine Zange, mehr brauchen wir
nicht), um wieder anfangen zu können, hieß damals die Parole. Und danach
verfuhren auch die Gablonzer Facharbeiter mit ihren Familien im Lager Riederloh.
Was sie benötigten, um den Neubeginn zu starten, waren Können, Fleiß,
Umsichtigkeit, Erfahrung, technische Wendigkeit und Organisationstalent. Dies
alles hatten sie aus ihrer Heimat mitbringen können, dies alles hatte man ihnen
nicht rauben können. Und so begannen sie in ihren Barackenstuben mit der
Herstellung von Schmuckwaren. Freilich nicht ohne Hemmnisse: Wegen Feuergefahr
durften in den Baracken keine Glaskurzwaren hergestellt werden und es durfte
nicht gelötet werden. Die ersten Neugablonzer Glaswarenhersteller errichteten
folglich ihre Werkstätten in den Bunkern des DAG-Geländes. In den Barackenstuben
wurde Heimarbeit gemacht, wie Glassteine und Glasknöpfe geschert, Kolliers
gefädelt, Glaskurzwaren bemalt, Glasknöpfe auf Karten genäht. Diese Arbeiten,
meist von Frauen wahrgenommen, brachten zwar nicht viel ein, aber sie boten doch
eine kleine Existenzgrundlage. Besser waren die Gürtler dran, mehrere
Gürtlerwerkstätten entstanden im Lager Riederloh. Als Material dienten den
Gürtlern vor der Währungsreform Metallzuteilungen auf Bezugsschein,
Metallabfälle aus dem DAG-Gelände und amerikanische Konservenbüchsen.
Rohstofflieferanten besonderer Art waren US-Soldaten. Es hatte sich
herumgesprochen, dass es im Lager Riederloh Leute gibt, die prächtige Souvenirs
herzustellen vermögen. Die „Amis" lieferten Silbermünzen an als Material für
diese prächtigen Souvenirs, mit denen sie in erster Linie ihren „deutschen
Frauleins" imponieren wollten. Einmal gab ein US-Soldat einem Gürtler den
Auftrag, drei Armbänder mit drei verschiedenen deutschen Namenszügen
herzustellen.
Seine Begründung dafür: „Oine von die drei wird mir sicher heiraten und mit mir
gehen nach USA!"
Die Gürtler im Lager Riederloh arbeiteten vor der Währungsreform mit einfachstem
Handwerkszeug, alle ihre Produkte waren in Handarbeit hergestellt. Findig, wie
sie waren, wurden sie auch mit den Schwierigkeiten ihrer Lagerumgebung fertig.
Sie konstruierten eigene Stromaggregate, um die mangelnde Stromversorgung
auszugleichen. Sie erwirkten über die Regierung von Schwaben, dass sie im Keller
der Wirtschaftsbaracke Lötplätze einrichten durften. Ganz und gar unabhängig von
der Lagerleitung machte sich der Gürtler Kurt Wenzel, er erbaute sich im
Schupfenbereich des Lagers eine eigene Werkstatt. Bretter für Wände und Fußboden
hatte er sich im Tauschverfahren gegen mitgebrachte Goldstücke besorgt, als
Eckpfeiler verwendete er Fichtenstämme, das Dach war aus Dachpappe. Die Wände
konstruierte er in doppelter Ausführung, zwischen die Wände füllte er Asche aus
der Glashütte. Das hielt schön warm. Vier kleine unverglaste Fensteröffnungen
erhellten diese „Werkstatt", in der Kurt Wenzel nun ungestört mit Karbid seine
Schmuckstücke löten konnte.
Es wurde im Lager Riederloh so viel und so fleißig gearbeitet, dass die
Lagerleitung Verordnungen erlassen musste, wonach „Arbeiten, die Lärm
verursachen, nur zwischen sechs Uhr früh und 20 Uhr abends durchgeführt werden
dürfen".
Auch Handwerker errichteten im Lager Riederloh kleine Werkstätten und schafften
sich somit erste Existenzen nach ihrer Vertreibung. Sie trugen erheblich zur
Versorgung der Lagerbewohner bei. Ein sehr begehrter Mann war der
„Neumann-Schlosser". Er hatte sich eine Unterkunft am Rande des Lagers erbaut
und verstand es ausgezeichnet, aus Abfällen Werkzeuge und Hausrat herzustellen.
Die Baracke 11 des Lagers war die „Handwerksbaracke", hier hatten ein Schneider,
ein Schuster und ein Friseur Unterkommen gefunden. Zwar sollten diese vorwiegend
für die Lagerbewohner selbst, auf eigene Rechnung allerdings, arbeiten, doch
mehr und mehr zogen sie auch Kundschaft von auswärts an. Nicht ungern, denn die
Einheimischen darunter zahlten in Lebensmitteln!
Die Handwerker waren aber auch übel dran, was die Materialzuteilung betraf. So
bekamen die Menschen damals pro halbes Jahr nur einen Schuhreparaturschein pro
Person zugewiesen. Auf diesen Schein wiederum wurden dem Schuster 32 Gramm Gummi
für Schuhsohlen von der Verteilerstelle zugeteilt. Kundschaft von außerhalb des
Lagers brachte da schon manches Mal Rohmaterial mit, wie alte Treibriemen,
Autoreifen, alte Schultaschen und ähnliches Material (Kunststoffe gab es noch
nicht). Damit konnte der Lagerschuster schon allerhand anfangen. Nägel besorgte
er sich selbst aus den Trümmern des DAG-Geländes, verrostete und verbogene
Stücke, die die Schustergesellen in oft stundenlanger Arbeit wieder
herrichteten.
Nach der Währungsreform, als manche Lagerbewohner Selbstverpfleger wurden und
von der städtischen Kartenstelle entsprechend mit Lebensmittelkarten versorgt
waren, richtete sich der Kolonialwaren-Händler Preißler im Schupfengelände des
Lagers einen Verkaufskiosk ein, auf ähnliche Art wie der Gürtler Wenzel seine
Werkstatt. Besser war der „Streit-Fleischer" dran, der 1951 im Magazin-Haus des
Lagers ein Ladenlokal einrichten durfte. Die Fleischerei Streit bestand dort
viele Jahre, über die Lagerauflösung hinaus.
Eine Versorgungsstelle des Lagers, schon vor der Währungsreform, war die Wache.
Sie vertrieb die damals sehr beliebte „Käsewurst", hergestellt aus
Molke-Mischungen von der im DAG-Gelände ansässigen Käserei Neumayer. Diese
„Wurstfülle" war versetzt mit unterschiedlichen Gewürzstoffen. Was halt gerade
vorhanden war, wurde dafür verwendet. Sie war daher stets für Überraschungen
gut, weil sie nie gleich schmeckte. Käsewurst war ohne Marken zu haben, die
Wachmänner verkauften sie scheibenweise, die Scheibe 20 Pfennig.
Aber es ging im Handel und Wandel des Lagers Riederloh nicht nur legal zu: Hier
blühte auch der Schwarzhandel. Der Schwarzhandel, der damals praktisch alle
Dinge des täglichen Bedarfes und der Gablonzer Industrie betreffen konnte, war
schwer verboten. Die Polizei, deutsche und amerikanische, setzte immer wieder
Razzien an, verhaftete Schwarzhändler. Doch auszurotten war er nicht. Wie sollte
er auch, er war lebensnotwendig und zudem eine Art Protest gegen die
Besatzungsmacht und deren Aushungerungsmaßnahmen der deutschen Bevölkerung
gegenüber.
Der Schwarze Markt im Lager Riederloh florierte auch deswegen so gut, weil viele
Lagerbewohner begehrte Tauschware, wie Glasknöpfe, Gablonzer Schmuck, anbieten
konnten. Die begehrteste Währung des Schwarzen Marktes, der sich nach der
Währungsreform bald auflöste, waren Zigaretten, Sacharin und Feuersteine.
Lukrative Geschäftspartner des Schwarzen Marktes im Lager Riederloh waren die
amerikanischen Soldaten. Gegen Schmuck tauschten sie nicht nur Lebensmittel, sie
„zahlten" auch mit Nylon-Strümpfen, Bekleidung aus Army-Beständen, Benzin usw.
In den Kasernengeländen der amerikanischen Besatzungsmacht waren so genannte
„PX-Läden" (Post-Exchange-Läden) eingerichtet worden, dort konnten die Besatzer
zollfrei alles kaufen, was das Herz begehrte, gegen Dollar, versteht sich.
Deutschen war der Zutritt zu den PXLäden verboten, auch wenn sie als Hilfskräfte
in den Kasernen arbeiteten. Aber, als ab 1946 das zuvor sehr streng gehandhabte
Fraternisierungsverbot zwischen Amerikanern und Deutschen sich zu lockern
begann, kamen immer mehr Deutsche auf dem Umweg über Amerikaner auch zu
PX-Waren. Eine maßgebliche Rolle spielten bei dieser illegalen Versorgung die
deutschen „Frauleins", begehrt bei den US-Soldaten und in ausreichend großer
Zahl vorhanden. Im Lager Riederloh gab es eine 70jährige Oma, die in ihrer
Barackenstube, die sie, was ja verwundern musste, allein bewohnen durfte, alles
anzubieten hatte, was der Schwarze Markt an Lebensmitteln und
Gebrauchsgegenständen hergab. Zu entsprechend hohen Preisen. So kostete eine
Stange amerikanischer Zigaretten, bestehend aus zehn Schachteln zu je 20 Stück,
1000 Reichsmark, ein Stück Butter 80-120 Reichsmark, ein Paar Nylon-Strümpfe,
begehrte Neuheit für Deutsche, 300 Mark.
Niemand wusste genau, woher die geschäftstüchtige Oma ihre Ware bezog. Einmal
beschlagnahmte eine Polizei-Razzia ihr gesamtes Lager. Am nächsten Morgen war es
wieder gefüllt. Dieser Aspekt des Lagers Riederloh verlieh dieser
Massenunterkunft eine besondere Note, die nicht unterschätzt werden darf. Das
Lager Riederloh war zentraler Umschlagplatz auch für die Bewohner des
DAG-Geländes Kaufbeuren-Hart und für manche der umliegenden Ortschaften. Somit
war es auch Nachrichtenbörse, es war ein beliebtes Kommunikationszentrum. Im
Lager Riederloh erfuhr man nicht nur alle Neuigkeiten, man konnte
Geschäftsverbindungen anknüpfen, Freunde und Verwandte über dieses
Nachrichtenbüro ausfindig machen, legale und auch illegale Tipps für mancherlei
Dinge und Tätigkeiten einholen.
Der oben stehende Text wurde teilweise gekürzt und
leicht verändert von Peter Dittert.
Der Text wurde mit freundlicher Genehmigung des Vorstands der
Leutelt-Gesellschaft e.V. entnommen aus dem Buch:
„Neugablonz - Stadtteil der ehemals Freien Reichsstadt Kaufbeuren im Allgäu“
Entstehung und Entwicklung -
Herausgegeben von der Leutelt-Gesellschaft durch Susanne Rössler und Gerhart
Stütz
Das Buch mit dem vollständigen Text ist erhältlich für 35 Euro im örtlichen Buchhandel
von Neugablonz oder direkt von der Leutelt-Gesellschaft, Waldstetter Gasse 10a,
73525 Schwäbisch-Gmünd, Tel. 07171/72705 - gerne bin ich Ihnen bei der
Beschaffung des Buches behilflich - Email :
Peter Dittert
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