|
| |


Schon im Juni 1946, kurz nach der Übernahme des Lagers Riederloh durch das
Kaufbeurer Landratsamt/ Flüchtlingsamt wurde in der Wirtschaftsbaracke des
Lagers, in dem Trakt, der zur jetzigen Sudetenstraße hin gelegen war, eine
Kantine eröffnet, in der Getränke und Zigaretten (auf Lebensmittelkarten) an die
Lagerbewohner verkauft wurden. Im Herbst übernahm Rudi Schunke („Bierrudi") die
Leitung dieser Kantine, er war damals noch Angestellter des Landratsamtes
Kaufbeuren. Rudi Schunke. war mit Leib und Seele Wirt. Ihm zur Seite stand seine
Frau Elli, die er im Lager kennen gelernt hatte. 1949 richtete das Ehepaar
Schunke im Anschluss an den Saal der Wirtschaftsbaracke eine kleine Gaststube
ein. Hier verkaufte es außer Getränken nun auch Elli Schunke, die Lagerwirtin,
mit Lagerhausmeister Josef Schwarz Kaffee, Würstl, Eis, Süßwaren. 1950 übernahm
das Ehepaar Schunke diese kleine Gastwirtschaft als Pächter in eigener Regie. Es
hat sie bis 1954 geführt. Um Umsatz mussten die Lager-Wirtsleute nie besorgt
sein. Bei Schunke traf sich alles, was im Lager Geselligkeit suchte und einen
guten Umtrunk schätzte, wobei vor der Währungsreform sich die Qualität dieses
guten Umtrunks vor allem auf die engagierte Bedienung der Gäste durch die
Schunkes beschränkte. Die Wirtsleute hatten auch die Aufgabe übernommen, die
Bewirtschaftung des Saales der Wirtschaftsbaracke wahrzunehmen, eine sehr
wichtige Funktion. Denn der große Saal der Wirtschaftsbaracke im Trakt zum
Lagerausgang (Sudetenstraße) gelegen, wurde das Zentrum der frühen Neugablonzer
Geselligkeit, Austragungsort noch in der Erinnerung spektakulärer Feste, die
schon deswegen so spektakulär gerieten, weil die Menschen, die Krieg,
Gefangenschaft, Vertreibung durchlitten hatten, dadurch ihrer Freude voll
Ausdruck geben konnten, überlebt zu haben, „davongekommen" zu sein. Insbesondere
die jungen Menschen von damals hatten einen unbändigen Nachholbedarf an
Lebensfreude. Sie hatten als Herangewachsene noch nie Zeiten der Sorglosigkeit,
der Unbekümmertheit gekannt, sie waren alle durch die tiefsten Tiefen eines
Menschenlebens gegangen, ständig begleitet von Not und Tod. Die Feste im Lager
Riederloh feierten Menschen, die um ihr Jungsein gebracht worden waren. Nie mehr
später sind Feste in Neugablonz mit solcher Überschwänglichkeit, solcher Hingabe
gefeiert worden.
Die Lagerleitung unterstützte dieses Bedürfnis. Sie hatte diesen Saal trotz
Raumnot stets freigehalten und führte selbst Veranstaltungen und Feste durch.
Sie stellte den Saal auch Veranstaltern, die außerhalb des Lagers wohnten, zur
Verfügung. In späteren Jahren arrangierte das Wirtsehepaar in eigener Regie hier
Feste und Veranstaltungen.
Der Saal besaß eine Bühne, einfache Holztische und Stühle als Ausstattung, eine
Empore, die als Kino-Vorführkabine diente. Die fürstliche Familie von der Leyen,
Waal, hatte der Lagerverwaltung ein Klavier ausgeliehen, es fand ebenfalls im
Saal seinen Platz. Benötigte Saaldekorationen stellten die Veranstalter auf
einfache Weise, aber fantasievoll her, so verzierten sie einmal die Saaldecken
mit Klopapierrollen, die sie zu Girlanden umfunktioniert hatten.
Gründekorationen waren einfach und kostenlos zu beschaffen, die holte man sich
aus dem benachbarten Wald. Der bekannte Kunstmaler Richard Felgenhauer aus
Reichenau, Kreis Gablonz, damals Lagerinsasse, betätigte sich als Dekorations-
und Plakatmaler. Aus den Reihen der Vertriebenen hatten sich schon bald, kaum
dass sie eine Unterkunft gefunden hatten, Musiker zusammengetan. Sie gründeten
auch Tanzkapellen, so die beliebten „Iserspatzen", die gut und gern im Lager
aufspielten.
1947 fand im Saal des Lagers der erste Ball statt, mit überwältigendem Echo. Ihm
folgten viele weitere Bälle, während der Faschingszeiten eine Menge origineller
Maskenbälle nach Alt-Gablonzer Tradition, die trotz dieser Notzeiten durch die
einfallsreiche Kostümierung der Ballbesucher bestachen, es folgten Maitanz-,
Erntedanktanzveranstaltungen, man tanzte das ganze Jahr hindurch mit Ausnahme
der Advent- und Fastenzeit. Der Nachholbedarf war eben groß, war doch während
des Krieges mit wenigen kurzzeitlichen Ausnahmen Tanzverbot erlassen worden. Vor
der Währungsreform behalf man sich beim Getränkeausschank zu den
Riederloh-Festen so gut es eben ging. Die Kaufbeurer Brauereien waren in der
Lage, Bier anzuliefern. Beziehungen halfen weiter Alkoholisches aufzutreiben,
wie den berüchtigten „Geländetud" (-tod), einen selbstgebrauten Schnaps, der
seinen Namen nicht zu Unrecht führte, denn, auf damals notgedrungen nüchterne
Mägen genossen, hatte er entsprechende Wirkung! Falls amerikanische Soldaten zu
diesen Festen erschienen, steuerten auch sie Getränke bei.
Besucher von weit und breit, Einheimische wie Vertriebene, strömten zu diesen
Festen im Lager Riederloh herbei, erste freundschaftliche Kontakte zwischen
Vertriebenen und Einheimischen wurden geknüpft. Die Einheimischen schätzten die
Kunst des Festefeierns der Gablonzer, die sie seit eh und je gut beherrschen.
|

|

|
|
Elli Schunke, die Lagerwirtin, mit
Lagerhausmeister Josef Schwarz |
Ball in der Wirtschaftsbaracke 1948 |
Der Riederlohlager-Saal wurde auf weitere vielfältige Arten genutzt: Die ersten
Neugablonzer Vereine trafen sich hier zu ihren Gründerversammlungen, die ersten
Wahlversammlungen, auch Protestversammlungen, die Tagungen des Siedlerrates, des
Selbstverwaltungsgremiums der jungen Siedlung, die Besprechungen der Allgäuer
Glas- und Schmuckwaren-Genossenschaft mit Regierungs- und Wirtschaftsvertretern
fanden hier statt, die ersten Mundartabende, die ersten Konzerte, viele
Kinderfeste und die ersten Gottesdienste im „Gelände" wurden hier abgehalten.
Es gastierten in diesem Saal international bekannte Stars wie Olga Tschechowa,
berühmte Chöre wie die Don-Kosaken und die Kuban-Kosaken, die Kapelle des Zirkus
Krone, das Tegernseer Bauerntheater und weitere bekannte bayerische Volksbühnen,
immer vor ausverkauftem Haus. Ausstellungen und Verkaufsmessen wurden hier
durchgeführt.
Ab 1949 war zu Gast im Saal des Lagers Riederloh regelmäßig einmal pro Woche ein
Wanderkino aus Buchloe. Es zeigte vorwiegend alte, beliebte Ufa-Filme, die den
Krieg überdauert hatten. Die Durchführung der Kinovorstellungen war nicht
einfach, es musste jedes Mal der sehr schwere Vorführapparat auf die Empore
gewuchtet werden. Aber die Mühe lohnte sich, alle Vorstellungen waren
ausverkauft, die Veranstalter hatten ihre liebe Not, nicht-zahlende Zaungäste,
die durch Fenster und Hintertüren eindringen wollten, zu verscheuchen. Am 3.
März 1954 stellte das Lagerkino seine Vorstellungen im Saal der
Wirtschaftsbaracke ein.
Als Ende 1954 die Eigentümerin der Wirtschaftsbaracke, die
Industrieverwaltungsgesellschaft, Nachfolgeverband der Montan-IV, die
Wirtschaftsbaracke des Lagers Riederloh abreißen ließ, wäre dies ein schwerer
Verlust für die nun schon stattlich herangewachsene Siedlung Neugablonz gewesen,
wenn nicht im Gegenzug ein neues Begegnungszentrum entstanden wäre, die
Turnhalle des Turnvereins Neugablonz. Ihr folgten die Säle der Gemeindehäuser
der Gablonzer Kirchen, 1976 übernahm die zentrale Funktion einer
Begegnungsstätte in Neugablonz das Gablonzer Haus im Zentrum der „Schmuckstadt
Neugablonz".
Der oben stehende Text wurde teilweise gekürzt und
leicht verändert von Peter Dittert.
Der Text wurde mit freundlicher Genehmigung des Vorstands der
Leutelt-Gesellschaft e.V. entnommen aus dem Buch:
„Neugablonz - Stadtteil der ehemals Freien Reichsstadt Kaufbeuren im Allgäu“
Entstehung und Entwicklung -
Herausgegeben von der Leutelt-Gesellschaft durch Susanne Rössler und Gerhart
Stütz
Das Buch mit dem vollständigen Text ist erhältlich für 35 Euro im örtlichen Buchhandel
von Neugablonz oder direkt von der Leutelt-Gesellschaft, Waldstetter Gasse 10a,
73525 Schwäbisch-Gmünd, Tel. 07171/72705 - gerne bin ich Ihnen bei der
Beschaffung des Buches behilflich - Email :
Peter Dittert
| |
|