Vor mehr 50 Jahren, am 8. August 1952, unterschrieb Wilhelm Hoegner, der Bayerische Staatsminister des Inneren, in München folgende Urkunde:

Dem mit seinem Mittelpunkt rund 3,5 km nordnordöstlich der Stadtmitte Kaufbeurens, im wesentlichen in der Flur Am Hart gelegenen, bisher unter dem ortsüblichen Namen Kaufbeuren ­Hart bekannt gewesenen Stadtteil der Stadt Kaufbeuren wird der Name „Kaufbeuren-Neugablonz" verliehen.

Offiziell war damit Neugablonz, wenn auch mit dem Zusatz „Kaufbeuren-" aus der Taufe gehoben.

Lange hat es gedauert, bis diese in einem Trümmerfeld der Nachkriegszeit gegründete Siedlung vertriebener Bewohner des Landkreise Gablonz diesen Traditionsnamen von Amts wegen zugesprochen bekam. Unter der Hand hatten die Siedler, die sich hier eine neue Heimstatt geschaffen haben, ihr aufblühendes Domizil „Neu-Gablonz" genannt. 1946 waren die ersten von ihnen hier eingetroffen, herbeigerufen von Dipl.-Ing. Erich Huschka und dessen Mitarbeiterstab in der Absicht, hier die Gablonzer Glas-, Metall- und Schmuckwaren-Industrie wieder ins Leben zu rufen. Dieses Trümmerfeld, während des Krieges ein Rüstungsgelände, nach Kriegsende von der US­Army zum Großteil gesprengt und unter alliierter Kontrolle, benannte Bürgermeister Dr. Georg Volkhardt, Kaufbeuren, nun im zivilen Sinn nach einem überlieferten Flurnamen „Kaufbeuren-Hart". Nicht ohne Hintergedanken: Er strebte die Eingemeindung dieses Rayons, das unter Kontrolle der Siegermächte und unter der Obhut der beiden Gablonzer Selbstverwaltungsgremien, der Allgäuer Glas-, Metall- und Schmuckwaren-Genossenschaft und der Aufbau- und Siedlungsgesellschaft stand in das Stadtgebiet Kaufbeurens an. Er wollte so Bedeutung und Einwohnerzahl der Stadt anheben, um sie aufzuwerten und damit seinen 1934 verlorenen Status als Oberbürgermeister wieder zu erlangen.

Neugablonz 1952

Doch die Siedler in Kaufbeuren-Hart wollten ihr „Neu-Gablonz" amtlich bestätigt sehen. Sie unternahmen mehrere Vorstöße in dieser Richtung. Auch als die Stadträte Kaufbeurens die Weiterleitung entsprechender Gesuche an die Bayerische Staatsregierung unterstützten, führte der Weg ins Leere. Sie wurden abschlägig behandelt, mit dem Hinweis, dass eine Annahme dieser Gesuche erhebliche politische Schwierigkeiten verursachen würde: Auf Einspruch der tschechoslowakischen Regierung durften geographische deutsche Namen nicht mehr verwendet werden! Erst der sich mehr und mehr verschärfende Ost-West-Konflikt führte eine Sinnesänderung der Amtsstellen herbei. Am 8. August 1952 wurde das Gesuch endlich genehmigt, Kaufbeuren-Hart wandelte sich zu Kaufbeuren-Neugablonz.

Als diese Genehmigung während des Gablonzer Heimatfestes Ende August im Festzelt des Sportplatzes verlesen wurde, brach ungeheuerer Jubel aus: Ein Stückl Heimat war gerettet worden. Doch der neue Name hatte auch seine Tücken. Als Doppelname war er zu wenig handsam. Man kürzte ihn ab, ließ das Kaufbeuren weg, was amtlich ja nicht zulässig war. Im Sprachgebrauch ging dies wohl, nicht jedoch bei schriftlichen, wie z.B. werbetechnischen, Darlegungen. 1972 erlitt die Doppelbezeichnung einen amtlichen Schlag: Die Postreform reduzierte viele postalische Anschriften, aus Kaufbeuren-Neugablonz wurde „Kaufbeuren 2". Auch die Zahl Zwei fiel in den kommenden Jahren, wohl aus Bequemlichkeit, vielfach weg, die Adressen lauteten, bis heute, einfach nur Kaufbeuren. Patriotische Neu­gablonzer blieben bei „Kaufbeuren-Neugablonz" in ihrer Adressenangabe. Und wenn mal einer nur „Neugablonz" verwendet, ist dies auch kein großes Problem -, die findige Post, auch andere Zustellbetriebe, stellen solche Sendungen zu, Hauptsache die Postleitzahl stimmt.

Im Alltagssprachgebrauch hat sich die Kurzbezeichnung „Neugablonz" mehr und mehr verfestigt, auch in den Massenmedien wird sie gern verwendet. Sogar amtlich heißt es da und dort: „Neugablonz, Stadtteil der Stadt Kaufbeuren". Alt-Kaufbeurer verwenden gar nicht selten die Bezeichnung „Gaaablonz" (mit langem A) für diesen Stadtteil. Am kuriosesten aber verhalten sich viele Neugablonzer, die seit den Gründerjahren hier zu Hause sind: Sie sagen, wenn sie in das Kaufbeurer Stadtzentrum gehen, „Mir giehn ei die Altstadt"; wenn sie aber in das Zentrum von Neugablonz wollen: „Mir giehn ei's Gelände". Das tun sie in Erinnerung an damals, als Neugablonz noch das „DAG-Gelände" genannt wurde in Angleichung an die Namensbezeichnung des Rüstungsgeländes während des Zweiten Weltkrieges. Traditionen sind eben hartnäckig!

 

Text von Susanne Rössler

mit freundlicher Genehmigung entnommen aus:

Kaufbeurer Geschichtsblätter

Mitteilungsblatt des Heimatvereins Kaufbeuren e.V. – September 2002 - Band 16 - Nr. 3