Diese Seiten wurden am 3.7.2007 von mir erstellt und ursprünglich verfasst und veröffentlicht von Frau Susanne Rössler. Susanne Rössler verstarb für mich vollkommen unerwartet am 21. Juni 2007 und wird mir unvergessen bleiben.

Wenn dem Rüdiger-Brunnen ein eigenes Kapitel gewidmet wird, dann mit gutem Grund: Der Rüdiger-Brunnen war das Wahrzeichen der Stadt Gablonz an der Neiße, er wurde 1968 nach Neugablonz überführt und 1970 hier wieder errichtet. Der Rüdiger-Brunnen ist das einzige Wahrzeichen einer Stadt aus den Vertreibungsgebieten der Deutschen, das mit der vertriebenen Bevölkerung in ein neues Siedlungsgebiet gelangt ist. Stadtsymbole und Denkmäler, die Vertriebene in ihren Aufnahmegebieten da und dort erneut aufgestellt haben, sind Kopien, der Rüdiger-Brunnen ist das Original.

Aber allein schon die Geschichte der ,,Heimholung" des Rüdigers nach Neugablonz verdient es, aufgezeichnet zu werden für künftige Generationen. Eine Symbolbedeutung für die Stadt Gablonz hatte der Rüdiger-Brunnen nicht, er ist eher ein dem Zufall entsprossenes Stadtsymbol.

Kernstück des Brunnens ist die übermannsgroße Bronzestatue des Rüdiger von Bechelaren. Sie steht auf einem Sockel aus Granit, der ummantelt ist mit sechs steinernen Relieftafeln, die männliche Torsi zeigen. Die Bronzestatue schuf der Bildhauer des Jugendstils Franz Metzner, Schöpfer auch des Völkerschlachtdenkmals in Leipzig, enthüllt 1913. Franz Metzner war Sudetendeutscher, er kam 1870 in Wscherau bei Pilsen zur Welt. Er wurde Steinmetz und vervollständigte seine Ausbildung zum Bildhauer in Zwickau, Dresden, Hamburg und auf Studienreisen. 1894 ließ er sich in Berlin nieder und eröffnete ein eigenes Atelier. Entwürfe für die Berliner Porzellanmanufaktur, Kleinplastiken, dann Monumentalplastiken bescherten ihm Anerkennung und Erfolg. Der vierte Preis des Wett­bewerbes für ein Kaiserin-Elisabeth-Denkmal brachte ihm die Berufung als Professor an die Kunstgewerbeschule in Wien ein. Er übersiedelte mit seiner Familie in diese alte Kaiserstadt, gab aber Wiener Wohnsitz und die Lehrtätigkeit wieder auf, als ihn 1906 der Auftrag erreichte, das geplante Völkerschlachtdenkmal zu Leipzig bildhauerisch zu gestalten. Er ließ sich nun wiederum in Berlin nieder. Weitere Aufträge aus dem In- und dem Ausland verfestigten seinen guten Ruf als Künstler. Er wurde Mitglied vieler bedeutender Institutionen, unter anderem Mitglied der Preußischen Akademie der Künste.

1919 raffte ihn die damals in Berlin grassierende Grippeepidemie hinweg. Franz Metzner wurde nur 49 Jahre alt. 1920 gründeten in Erinnerung an ihn die deutschen bildenden Künstler in Böhmen der Ersten Tschechoslowakei einen Verband, den „Metzner-Bund". Er hatte bis 1945 Bestand. 1904 erging an Metzner von der Stadt Wien der Auftrag, einen Nibelungen-Brunnen zu schaffen, der seinen Platz vor der Votiv-Kirche am Ring finden sollte. Als Kernstück dieses Brunnens, der historische Bezüge zur Donaumonarchie aufweisen sollte, schuf Metzner die Bronzestatue des Rüdiger von Bechelaren, der Sage nach einst Markgraf im Bereich zwischen Enns und Traisen in Oberösterreich. Markgraf Rüdiger von Bechelaren ist eine der Hauptgestalten der Nibelungen-Sage, er gilt als Symbol der Gefolgschaftstreue.

Die Nibelungensage, im Mittelalter schriftlich in Versform niedergeschrieben, ist die bekannteste der deutschen Sagen. Sie berichtet vom strahlenden Helden Siegfried, der einen Drachen getötet hatte und dadurch in den Besitz des unermesslich reichen Nibelungenschatzes, des Schatzes eines Zwergengeschlechtes, gekommen war. Siegfried residierte am Niederrhein. Er warb um die schöne Kriemhild, Schwester des Königs Gunter und dessen Brüder Gernot und Giselher aus dem Geschlecht der Burgunder, dessen Residenz Worms am Rhein war. Die Hand Kriemhilds wurde ihm aber erst gewährt, als er als Gefolgsmann Gunters gegen die Sachsen in den Krieg gezogen und Gunter behilflich gewesen war, die stolze Brunhild, Königin in Island, als Frau zu gewinnen. Durch eine Tarnkappe unsichtbar gemacht, hatte er anstelle Gunters Brunhild während der Brautwerbung niedergezwungen und Brunhild auf ebendieselbe Weise in das Brautgemacht verbracht. Kriemhild erfuhr diese Vorkommnisse und während eines Streites mit ihrer Schwägerin verriet sie ihr das Geheimnis. Brunhild schwor Siegfried und seiner Gemahlin Rache. Sie zog den ranghöchsten Gefolgsmann ihres Mannes, Hagen von Tronje, der Siegfried Einfluss und den Besitz des Nibelungenschatzes neidete, auf ihre Seite. Während eines Jagdausfluges tötete Hagen Siegfried auf heimtückische Weise und versenkte, an Kriemhild Rache nehmend, den Nibelungenschatz in den Rhein.

Nun aber schwor Kriemhild dem ganzen Geschlecht ihrer Brüder Rache. Die Verwirklichung dieses Vorhabens rückte für sie in greifbare Nähe, als Etzel, König der Hunnen, der in Ungarn residierte, um ihre Hand anhielt. Sein Brautwerber war Markgraf Rüdiger von Bechelaren, ein Gefolgsmann König Etzels, nichts Ungewöhnliches zur Zeit der Hunnen, denn viele germanische Fürsten waren, freiwillig oder unfreiwillig, Gefolgsleute des Hunnenkönigs geworden und hatten ihm den Treueid geschworen. Kriemhild nahm die Werbung an unter der Bedingung, dass Rüdiger auch ihr unverbrüchliche Treue schwöre. So zog Kriemhild an Etzels Hof. Nach einiger Zeit lud Kriemhild nun ihre Brüder ein, sie zu besuchen. Die Burgunder folgten dieser Einladung und zogen, begleitet von vielen Kriegern und Reisigen in einem prächtig ausgestatteten Zug der Donau entlang Richtung Ungarn. Der Hof des Markgrafen Rüdiger an der Donau war eine ihrer Reisestationen. Rüdiger und seine Familie nahmen die Burgunder überaus gastfreundlich auf, der junge Giselher verlobte sich mit der Tochter des Markgrafen, die neue Freundschaft und Verwandtschaft wurde mit vielen Festen besiegelt. Rüdiger ritt als Geleitschutz mit den Burgundern zum Hofe Etzels in Ungarn.

Kaum waren sie dort angekommen, nahm das Verhängnis seinen Lauf: Hagen forderte Kriemhild heraus, Kriemhild hetzte ihre Hunnen gegen ihre Verwandten, in einem grausamen Blutbad endeten alle Burgunder mit Kriemhild und deren kleinem Söhnchen, endeten viele Hunnen und auch Rüdiger von Bechelaren. Er hatte nach schwerbelastender Gewissenserforschung auf Seiten der Hunnen gegen seine neuen Verwandten und Freunde gekämpft, getreu seinem Eid, den er einst König Etzel und Kriemhild geschworen hatte.

Das Standbild Rüdigers des Neugablonzer Rüdiger-Brunnens zeigt diesen germanisch-altdeutschen Recken im Gebet, sein Schwert über die Arme gelegt, bevor er zum letzten Kampf antritt, im Ringen, ob er seinen Treueid halten solle: Er entschied sich für seine Gefolgsherrn, wie es der germanische Sittenkodex fordert, der ging für Etzel und Kriemhild in den Tod. Dieses größte deutsche Heldenepos ist in vielen Varianten überliefert, es wurde oft bearbeitet. Zu seiner Entstehung haben ältere Sagenstoffe beigetragen, untereinander vermischt und mehrfach in neue Zusammenhänge gesetzt. Das Nibelungenlied hat aber auch einen historischen Kern. 437 fiel der Burgunderkönig Gundicarius mit seinem Geschlecht im Kampf gegen die Hunnen. Etzel oder Attila, der Hunnenkönig, heiratete als seine letzte Gemahlin eine blonde Germanin namens Hildico, es ist überliefert, dass er in der Hochzeitsnacht gestorben ist, wahrscheinlich an einem Blutsturz. Die Gestalt Rüdigers ist historisch nicht eindeutig belegbar, es ist jedoch mit Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass ein Vorbild für die Schilderung dieses Reckens existierte. Bechelaren oder Bechlarn ist identisch mit Pöchlarn, einer Stadt an der Donau, zwischen Linz und Wien gelegen. Sie bestand schon zur Römerzeit, Markgrafschaften wurden im frühen Mittelalter in diesem Bereich als Grenzbefestigungen gegen anstürmende Völker aus dem Osten gegründet. Im Zeitalter des Historizismus, der Wiederbesinnung auf germanisch-deutsche Vergangenheit gegen Ende des vorigen und zu Beginn dieses Jahrhunderts, war der Nibelungen-Sagenzyklus ein gern aufgenommenes Motiv für künstlerische Arbeiten. Die Errichtung eines Nibelungen-Brunnens war kein abwegiges Unternehmen. Dazumalen war vielen Betrachtern der Sinngehalt eines Standbildes wie das der Rüdiger-Statue bekannt.

Das Nibelungenlied gehörte zum literarischen Bildungsgut, Richard Wagner widmete ihm einen Opern-Zyklus. Die deutschen Heldensagen, in erster Linie die Sage von Siegfried dem Drachentöter, wurden in vielen Ausgaben verlegt, Kinder und Jugendliche lasen sie mit Begeisterung. Heroismus, Treue, das Einstehen für ein gegebenes Wort gehörten zu den Erziehungsidealen jener Zeit.


Der oben stehende Text wurde teilweise gekürzt und leicht verändert von Peter Dittert.
Der Text wurde mit freundlicher Genehmigung des Vorstands der Leutelt-Gesellschaft e.V. entnommen aus dem Buch:
„Neugablonz - Stadtteil der ehemals Freien Reichsstadt Kaufbeuren im Allgäu“
Entstehung und Entwicklung - Herausgegeben von der Leutelt-Gesellschaft durch Susanne Rössler und Gerhart Stütz

Das Buch mit dem vollständigen Text ist erhältlich für 35 Euro im örtlichen Buchhandel von Neugablonz oder direkt von der Leutelt-Gesellschaft, Waldstetter Gasse 10a, 73525 Schwäbisch-Gmünd, Tel. 07171/72705 - gerne bin ich Ihnen bei der Beschaffung des Buches behilflich -  Email : 
Peter Dittert