Warum es dennoch nicht zur Aufstellung des Rüdiger-Brunnens in Wien kam, ist nicht geklärt. Die Entwürfe Metzners für den Brunnen sind erhalten geblieben, die Rüdiger-Statue wurde mit großer Wahrscheinlichkeit in seinem Berliner Atelier gefertigt. Nicht haltbar ist ein Gerücht, das lange Zeit um die Ablehnung des Brunnenbaus kursierte. Danach sollten Wiener Stadtväter Anstoß an Entwürfen des Bildhauers genommen haben, die für die Gestaltung der Sockel-Reliefplatten reichlich unbekleidete Donaunixen vorsahen. Solche Entwürfe Metzners sind unbekannt, überliefert sind Zeichnungen und Modelle, die eben jene Helden-Torsi zeigen, wie sie der Brunnen heute aufweist. Auch ist kaum anzunehmen, dass in der lebenslustigen Stadt Wien die Mehrzahl der Stadtväter so prüde waren, wie vorgegeben wird. Es ist dagegen anzunehmen, dass künstlerische Gesichtspunkte und finanzielle Gründe ausschlaggebend waren, dass die Errichtung des Brunnens in Wien nicht verwirklicht werden konnte. Die Hauptfigur, den bronzenen Rüdiger, erwarb die Gesellschaft zur Förderung deutscher Kunst und Wissenschaft, Sitz Prag. Eine Weiterverwendung verhinderte der 1914 ausgebrochene Erste Weltkrieg. Bei Kriegsende 1918 lagerte die Plastik in einem Prager Magazin.

Der Rüdiger-Brunnen vor der Alt-Gablonzer Herz-Jesu-Kirche

Der umsichtige, Kunst und Wissenschaft gegenüber ungemein aufgeschlossene damalige Bürgermeister der Stadt Gablonz, Dr. Karl R. Fischer, erhielt Kenntnis von diesem anscheinend überflüssig gewordenen Metzner-Werk. Er bewog seinen Stadtrat, diese Bronzeplastik anzukaufen.

Zu diesem Entschluss mag wohl auch beigetragen haben, dass sich die Nachbarstadt Reichenberg schon seit langem um einen Metzner-Brunnen bemüht hatte. Die beiden Industriestädte Reichenberg und Gablonz, nur zwölf Kilometer voneinander entfernt, konkurrierten oft und gern miteinander! Reichenberg hatte bereits 1906 bei Metzner einen Entwurf für einen Brunnen bestellt und auch erhalten. Jedoch erst nach dem Krieg führten die künstlerischen Nachlassverwalter des Meisters, die dessen Berliner Atelier weiterführten, diesen Brunnen aus, 1926 erhielt Reichenberg seinen Metzner-Brunnen.

Die Stadt Gablonz erwarb 1924 um 50000 Kronen den bronzenen Rüdiger, der noch ein Originalwerk des Meisters war. Jedoch an seine Aufstellung als Brunnenfigur war aus finanziellen Gründen und aus Platzmangel vorerst nicht zu denken. Es stand ihm aber ein Denkmalssockel zur Verfügung, mit Standort in der kleinen Parkanlage am Tuchplatz, gegenüber der barocken Anna-Kirche. Auf diesem Sockel befand sich bis 1918 ein Standbild Kaiser Joseph IL, des Sohnes der Kaiserin Maria Theresia, des verehrten „Volkskaisers" der Habsburger Monarchie. Die Tschechen, die 1918 an die Macht gekommen waren, befahlen die Entfernung des Kaiser-Standbildes. Der leere Sockel blieb übrig. Rüdiger besetzte ihn nun an Kaisers statt. In den Sockel wurden folgende Verse Goethes eingefügt: „Die Zukunft decket - Schmerzen und Glücke -Schrittweis dem Blicke, - Doch ungeschrecket - dringen wir vorwärts. - Wir heißen Euch hoffen!" Nach einiger Zeit fand die tschechische Verwaltung diese Verse „provokatorisch", sie mussten entfernt werden. Ende der zwanziger Jahre, als mit dem Bau einer neuen katholischen Kirche, der Herz-Jesu-Kirche, auf der Bastei, einem die Stadt beherrschenden Plateau, begonnen worden war, kam auch die Brunnen-Planung wieder in das Gespräch. Die Stadtverwaltung sah vor, auf der Bastei den Rüdiger-Brunnen nach den Original-Plänen Franz Metzners zu errichten. Pläne und Entwürfe des Meisters waren in seinem Berliner Atelier, das weiterhin Bestand hatte, aufbewahrt. Die Verhandlungen mit den Nachlassverwaltern Metzners liefen günstig, so dass nun die vorgesehenen Reliefplatten im Berliner Atelier ausgeführt und nach Gablonz gebracht werden konnten. Metzners Nibelungen-Brunnen wurde nun Wirklichkeit, zwar nicht vor der Wiener Votiv-Kirche, aber auch in das Umfeld der neuerrichteten Gablonzer Herz-Jesu-Kirche fügte er sich harmonisch ein. Die Gesamtbaukosten betrugen 700000 Kronen.

links: Der Rüdiger-Brunnen vor der Alt-Gablonzer Herz-Jesu-Kirche

Ab 1931 stand nun der Rüdiger-Brunnen auf der Gablonzer Bastei, offiziell „Gewerbeplatz", er verlieh diesem Platz seine besondere Note. In der Ferne erhebt sich der Schwarzbrunn, er bereichert mit seiner bewegten Kulisse die Gestaltung dieses einst schönsten Platzes der Stadt Gablonz an der Neiße. Das Ende des Gablonzer Rüdiger-Brunnens kam, wie das der Gablonzer selbst, 1945. Wenige Stunden nach Kriegsende stürzten tschechische Milizen und Partisanen das Rüdiger-Standbild vom Sockel, beschossen es unter Gegröle und Geheul, spannten Pferde davor und ließen es scheppernd über das Kopfsteinpflaster der  umliegenden Straßen schleifen. Am Platz vor dem Neuen Rathaus stellten sie das Standbild zum Zwecke der Volksbelustigung aus. Später landete das Standbild auf einer Abfallhalde. Dann entfernten die neuen Herrn der Stadt auch die Sockelplatten, auch sie wurden beschädigt.

Auf den nunmehr leeren Sockel setzten die Tschechen ein „Befreiungsdenkmal" in Form eines Sowjetsoldaten, der ein Maschinengewehr schulterte. Dieses Sie­gerdenkmal hielt nur bis 1968, es wurde während des Prager Aufstandes gegen das Sowjetregime gestürzt. Die nunmehrigen Denkmalstürmer hatten allerdings weniger Spaß an ihrer Aktion als ihre Vorgänger, freilich auch weniger Mühen damit; der Sowjetsoldat zersprang beim Stürzen in tausend Stücke, er war nur aus Gips gefertigt! Als nächstes Bildwerk folgte eine Frau östlicher Prägung ihren Vorgängern auf diesen Sockel, eine Symbolfigur des Friedens, in vielfacher Form verwendbar.

Setzt man im Rückblick den Symbolgehalt des Rüdiger in bezug auf diese Geschehnisse, dann war das Stürzen seiner Gablonzer Statute im Jahre 1945 keineswegs nur ein Akt nationaler und künstlerischer Barbarei, er war widersinnig: Rüdiger hätte stehen bleiben müssen - als Mahnmal, dass Menschen ihren Staat, in dem sie leben, bejahen sollen! Die Sudetendeutschen hatten dies 1938, als sie für den Anschluss an das Deutsche Reich stimmten, nicht getan. Rüdiger dagegen hat, auch gegen seine innere Überzeugung, seinem Herrn, dem fremden Hunnenkönig, die Treue gehalten. Doch solche Überlegungen anzustellen, erweist sich als überflüssig: 1945 galt allein das Gesetz der Stunde. Alles, was deutsch ist, muss ausgelöscht werden.

 


Der oben stehende Text wurde teilweise gekürzt und leicht verändert von Peter Dittert.
Der Text wurde mit freundlicher Genehmigung des Vorstands der Leutelt-Gesellschaft e.V. entnommen aus dem Buch:
„Neugablonz - Stadtteil der ehemals Freien Reichsstadt Kaufbeuren im Allgäu“
Entstehung und Entwicklung - Herausgegeben von der Leutelt-Gesellschaft durch Susanne Rössler und Gerhart Stütz

Das Buch mit dem vollständigen Text ist im örtlichen Buchhandel von Neugablonz erhältlich oder direkt von der Leutelt-Gesellschaft, Waldstetter Gasse 10a, 73525 Schwäbisch-Gmünd, Tel. 07171/72705 - gerne bin ich Ihnen bei der Beschaffung des Buches behilflich -  Email : 
Peter Dittert