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Die Neugablonzer, in steter Nachrichtenverbindung mit ihren als Facharbeiter zurückgehaltenen Verwandten und Freunden stehend, waren stets gut orientiert über alle Vorgänge in ihrer Heimat, so auch über den Verbleib des Rüdiger. Der Gablonzer Heimatkreisbetreuer und Begründer der Alt-Gablonzer musealen Sammlungen in Neugablonz, Studienrat Rudolf Tamm, versuchte seit 1954 mehrmals, Kontakt mit tschechischen staatlichen Stellen aufzunehmen in der Absicht, eine Überführung des gestürzten Rüdiger nach Bayern zu erreichen. Bürgermeister Oswald Wondrak unterstützte ihn bei diesen Versuchen. Auf die direkten Kontaktversuche erfolgte nie eine Antwort. Also versuchten Rudolf Tamm und Oswald Wondrak die Nibelungen-Städte Worms und Pöchlarn als Vermittler einzuschalten. Auch dies schlug fehl, Pöchlarn lehnte von vornherein ab mit der Begründung, das neutrale Osterreich wolle sich in dieser Angelegenheit, die durchaus ein Politikum sei, nicht engagieren. Einen weiteren Vorstoß unternahm Oswald Wondrak in Zusammenarbeit mit dem Anpflanzungs- und Verschönerungsverein. Da nunmehr eine positive Reaktion der Tschechoslowakei auf das Ersuchen, das Rüdiger-Standbild nach Bayern, das heißt nach Neugablonz, zu transferieren, kaum mehr zu erwarten war, setzte man sich mit dem Atelier Franz Metzners in Berlin in Verbindung. Es hatte den Krieg überdauert und wurde von der Tochter des Künstlers weitergeführt. Man verhandelte über eine Neuanfertigung des Rüdiger-Brunnens und seiner Skulpturen. Da die Unterlagen dafür noch vorhanden waren, wäre dieser Plan durchaus zu realisieren gewesen; dies scheiterte aber an den hohen finanziellen Forderungen des Nachlassverwalters Franz Metzners. Die Initiatoren der Überführung des Rüdiger nach Neugablonz resignierten nun, sie gaben die Hoffnung auf, das Gablonzer Wahrzeichen für Neugablonz erwerben zu können. Doch es kam anders: Am Morgen des 17. Februar 1968 verbreitete sich in Neugablonz in Windeseile die Kunde: „Unser Rüdiger ist da, er liegt am Kaufbeurer Bauhof!" Die meisten, die diese Kunde vernahmen, hielten sie vorerst für einen Witz. Erst als einige Unentwegte nach Kaufbeuren zum Bauhof gepilgert waren, sich dort überzeugt hatten, dass die Nachricht stimmt und darüber berichteten, wurde allen bewusst, dass die längst aufgegebene Hoffnung sich nun doch erfüllt hat. Jubel und Freude herrschte überall, Neugablonz schwirrte wie ein Bienenstock. Über das Wie und Warum der Ankunft des Rüdiger in Kaufbeuren war vorerst wenig zu erfahren, berechtigterweise insofern, weil dieser Transfer eben auch Anzeichen eines Politikums besaß, lautstarke Wiedergabe von Einzelheiten nicht opportun erschien. Bedauerlicherweise insofern, weil diese Informationszurückhaltung zu vielerlei Gerüchtekocherei Anlass gab, die schließlich zu negativen politischen Auswirkungen führten. Die Einzelheiten wurden in vertrautem Kreis dennoch bekannt: Etwa zwei Wochen vor der Ankunft Rüdigers in Kaufbeuren war ein Brief eines Münchner Kunsthändlers an die Stadt Kaufbeuren eingegangen, ob noch Interesse am Ankauf des Rüdiger-Brunnens bestünde. Bürgermeister Oswald Wondrak, damals noch im Amt, setzte sich umgehend mit dem Kunsthändler in Verbindung, dieser wiederum vermittelte ihm nun das Angebot der CSSR, die Rüdiger-Statue plus die dazugehörigen Reliefplatten gegen sofortige Erlegung von 10000 Dollar (damals ein Gegenwert von 40000 Mark) abzugeben. Die Museums-Verwaltung der CSSR benötigte diesen Devisen-Betrag, weil sie in Italien Barockgemälde aus Böhmen erwerben wollte. Rüdiger und seine Reliefplatten lagerten zu dieser Zeit in einem Schlosspark bei Prag, dorthin hatte man unliebsame Kunstwerke aus deutschen Städten, die der Zerstörung entgangen waren und einen kunsthistorischen Wert darstellten, gebracht. Dieses Angebot wäre jedoch mit großer Wahrscheinlichkeit nicht in die Wege geleitet worden, hätte das Jahr 1968 nicht die Liberalisierung der Herrschaft der Kommunisten in der CSSR, bekannt unter dem Begriff „Prager Frühling", gebracht.
Otto Walter, der Rudolf Wanke im Amt nachgefolgt war, ließ eine Attrappe in Originalgröße anfertigen, im März 1970 wurde so der Standort ausgelotet. Doch diese Begehung erbrachte ein negatives Ergebnis, dieser Standort erwies sich als ungeeignet. Eine rasche Überführung der Attrappe auf die „Bastei", in die Anlage bei der Neugablonzer Herz-Jesu-Kirche, ergab, dass dieser Standort sich für den Brunnenbau geradezu anbiete. Passanten, die diese Generalprobe der Standortbestimmung mit großem Interesse verfolgten, äußerten lautstark ihre Begeisterung. Hanne Wondrak, deren Denkmal „Die Vertriebenen" an dieser Anlage stand, gab ihre Einwilligung zur Versetzung des Denkmals in die kleine Anlage auf die gegenüberliegende Seite der Sudetenstraße. So stand nun nichts mehr im Wege, dass der Rüdiger-Brunnen auch in Neugablonz wieder auf seinem traditionellen Platz, der „Bastei vor der Herz-Jesu-Kirche", errichtet werden konnte. Statt des Schwarzbrunns grüßt freilich nun die Zugspitze zu ihm herüber. Während des Sommers 1970 gingen die Bauarbeiten rasch voran. Die Einweihung und Übergabe des Brunnens fand Sonntag, den 30. August 1970, im Verlauf der Gablonzer Heimatfestwoche jenes Jahres statt. 12000 Neugablonzer, Gablonzer und Isergebirgler aus aller Welt hatten sich in der letzten Augustwoche des Jahres 1970 in Neugablonz zusammengefunden, um Wiedersehen zu feiern mit „ihrem" Rüdiger. Einen Tag vor der Brunnen-Weihe wurde das Bronze-Standbild auf den Sockel gehievt, die Reliefplatten waren zuvor schon befestigt worden, und mit einem weißen Tuch verdeckt. Ein Trupp Freiwilliger hielt Nachtwache: Man fürchtete noch immer Anschläge auf den Rüdiger.
Nicht alle Wünsche, die Rüdiger bei seinem Eintritt in
Neugablonz begleitet haben, sind in Erfüllung gegangen. Der Brunnen ist zwar zum
begehrtesten Neugablonzer Fotoobjekt geworden. 1980 ließ der Anpflanzungs- und
Verschönerungsverein eine Schriftplatte in der Anlage um den Brunnen aufstellen,
die auf den Erwerb des Brunnens hinweist. Leider war Rüdiger dann und wann
Angriffen ausgesetzt, die bösesten und kostspieligsten waren seine Bemalung mit
Ölfarbe und die Zuzementierung seines Überlaufes, die ihm die Brunnenfunktion
nahm. Alle diese Angriffe sind wohl weniger politischer Natur gewesen, eher
Lausbübereien und dem Austoben aggressionslüsterner Jugendlicher zuzuschreiben,
die in jüngster Zeit überall ihr Unwesen treiben. Mit einem Aggressor muss
Rüdiger und die ringenden Helden des Nibelungen-Liedes aus Stein in Zukunft
jedoch rechnen, dem sie bisher noch nicht begegnet sind: Mit der
Umweltverschmutzung. Schäden erwachsen auch ihm aus diesem jüngsten Übel, das
Menschen, Tiere, Pflanzen, Bauwerke bedroht. Die Neugablonzer, die Stadt
Kaufbeuren, unter deren Schutz er gestellt ist, werden diesem Brunnen bald
wieder einmal zu Hilfe kommen müssen, soll er das bleiben, was er bisher ist:
Das Symbol der Stadt Gablonz an der Neiße, das seinen Landsleuten in eine neue
Heimat gefolgt ist, nach Kaufbeuren-Neugablonz im Allgäu.
Der oben stehende Text wurde teilweise gekürzt und
leicht verändert von Peter Dittert. |
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