Die Dynamit A. G. - Werk Kaufbeuren

mit freundlicher Genehmigung von Susanne Rössler - genauer Quellenhinweis am Ende des Textes
 

1939 feierte die Kaufbeurer Textilfabrik Momm ihr hundertjähriges Bestehen. Während des Festzuges, der anlässlich dieses für Kaufbeurens Industrialisierung so bedeutenden Ereignisses veranstaltet wurde, verärgerte eine Gruppe Unbekannter die Kaufbeurer: Sie ließen vernehmen, dass die Firma Momm bald nicht mehr das größte Werk Kaufbeurens sein werde.

Die Unbekannten behielten recht: Zu diesem Zeitpunkt hatte bereits das Oberkommando des Heeres der Deutschen Wehrmacht die Dynamit-Aktiengesell­schaft, vormals Alfred Nobel u. Co., abgekürzt „DAG", veranlasst, in einem Waldgebiet, nordöstlich von Kaufbeuren gelegen, ein Werk zur Herstellung von Pulver und Sprengstoffen zu errichten. Sein Bau begann 1939. Als „Geheime Reichssache" eingestuft, für Zivilisten unzugänglich, kannten die meisten Kaufbeurer dieses Werk, das die Anlagen der Firma Momm weit übertraf, kaum. Weder die Kaufbeurer noch die Gruppe der unbekannten Plauderer haben bei ihrer Konfrontation 1939 aber ahnen können, dass das „Werk Kaufbeuren" der DAG für die Stadt Kaufbeuren einst eine noch viel weittragendere Bedeutung haben würde: Nicht das im Bereich Kaufbeuren errichtete Munitions-Werk hat einen bedeutsamen Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung der ehemals Freien Reichsstadt an der Wer­tach geliefert. Die Gablonzer Industrie hat dies getan, sie hat nach verlorenem Zweiten Weltkrieg, nach dem Untergang des nationalsozialistischen Deutschen Reiches, nach Besetzung und Zerstörung des Munitionsfabrik-Geländes durch die Siegermächte, nach der gewaltsamen Vertreibung der Gablonzer aus ihrer angestammten Heimat dieses Gelände zum Mittelpunkt ihrer wiederaufgebauten weltbekannten Industrie gemacht. Die Kontrahenten von 1939 konnten ebenso wenig vorausahnen, dass einst auf den Trümmern des DAG-Geländes ein Stadtteil der Stadt Kaufbeuren entstehen werde, größer als die ganze damalige Stadt Kaufbeuren mit ihren 11491 Einwohnern, dass Kaufbeuren sich zur international bekannten Handelsstadt entwickeln werde, dass Kaufbeuren in den fünfziger Jahren mit 220 Prozent Bevölkerungszuwachs die prozentual errechnete größte Zuwachsrate aller Städte der Bundesrepublik aufweisen und dass Kaufbeuren einst den Ruf genießen werde, die schwierige Aufgabe, Heeren von bettelarmen Vertriebenen wieder zu menschenwürdigem Dasein verholfen zu haben, vorzüglich gelöst zu haben.

 

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Als die Gespräche während des Jubiläumsfestzuges stattfanden, waren die Vorbereitungen für den Baubeginn schon getroffen. „Die Baumaterialien, wie Eisenbahnschwellen, Schienenmaterial und weitere Oberbaustoffe, Betonstahl und vor allem Barackenteile lagerten bereits seit einiger Zeit auf angemieteten Grundstücken an den Bahnhöfen Mauerstetten, Leinau und Pforzen." Die Wahl für die Errichtung des Pulverwerks Kaufbeuren war gut durchdacht. Das vorgesehene Areal für das Werkgelände, das 298 ha umfassen sollte, lag in einem abgelegenen Waldgebiet auf einem Moränenzug oberhalb der Wertachauen, etwa vier Kilometer Luftlinie vom Stadtzentrum Kaufbeurens entfernt. Wasser und Stromversorgung konnte durch den Bau entsprechender Anlagen im Wertachbereich gesichert werden. Der Flugplatz von Kaufbeuren und die im Wertachtal verlaufende Bahnlinie boten günstige Verkehrsbedingungen. Die verhältnismäßig dünne Besiedlung der umliegenden Gebiete erleichterte die Geheimhaltung des Bauvorhabens. Das vorgesehene Areal hatte mehrere Eigentümer: Die Stadt Kaufbeuren, Privatleute aus den umliegenden Ortschaften und der Stadt selbst. Nur ein Teil des Gebietes konnte von der Dynamit AG käuflich erworben werden, die übrigen Gebietsanteile verblieben laut Grundbuch noch ihren Eigentümern. Es war aber dennoch nach damaliger Gesetzgebung möglich, sie für die Errichtung kriegswichtiger Bauten zu verwenden.

Nach Vollendung des ersten Bauabschnittes durch die Dynamit AG im Jahr 1943 wurden die Werkanlagen Eigentum der „Montan Industriewerke GmbH". Als Betriebsgesellschaft wurde eine Tochtergesellschaft der Dynamit AG tätig, sie firmierte unter „Fabrik zur Verwertung chemischer Erzeugnisse" oder „Fabrik Kaufbeuren". Bei Kriegsende verwaltete die Montan 129 Werkanlagen im In- und Ausland. Der Anschaffungswert dieser Anlagen betrug rund 4,5 Milliarden Reichsmark, der Grundbesitz umfasste rund 15 500 ha. Zu diesem Wirtschafts- und Rüstungsimperium gehörte auch das Werk Kaufbeuren, im Volksmund „DAG-Gelände" genannt.

1944 wurden in das Kaufbeurer DAG-Gelände auch die Deutsche Waffen- und Munitionsfabriken AG  verlegt. Letztere führte im DAG-Gelände Erprobungen durch.


Der oben stehende Text wurde teilweise gekürzt, leicht verändert und mit Bildern ergänzt von Peter Dittert.

Der Text wurde mit freundlicher Genehmigung des Vorstands der Leutelt-Gesellschaft e.V. entnommen aus dem Buch:
„Neugablonz - Stadtteil der ehemals Freien Reichsstadt Kaufbeuren im Allgäu“
Entstehung und Entwicklung
Herausgegeben von der Leutelt-Gesellschaft durch Susanne Rössler und Gerhart Stütz

Das Buch mit dem vollständigen Text ist erhältlich für 35 Euro im örtlichen Buchhandel von Neugablonz oder direkt von der Leutelt-Gesellschaft, Waldstetter Gasse 10a, 73525 Schwäbisch-Gmünd, Tel. 07171/72705 - gerne bin ich Ihnen bei der Beschaffung des Buches behilflich -  Email : 
Peter Dittert