1945 fielen alle im DAG-Gelände entwickelten Bewaffnungstechniken den alliierten Siegermächten als Kriegsbeute zu. Die Sieger verwendeten diese Erfindungen der Rüstungstechnik für ihre Zwecke. Auch die „Wohlfahrtshäuser" (Kantinen, Aufenthaltshäuser) waren nach einem Schema gebaut: rechteckige Gebäude mit einem Vorbau. Sie sind erhalten geblieben, noch heute in der Neugablonzer Bebauung leicht auszumachen. Die Toilettenanlagen besaßen ein vorzügliches Entlüftungssystem, auch sie blieben erhalten und waren bei den Gablonzer Glasdruckern als Werkstattgebäude sehr gefragt. Das gesamte Gelände wurde durch ein Fernheizsystem mit Wärme versorgt. Es wurde mit dem Anzapfdampf der Kraftwerksturbine gespeist. Das Kesselhaus lag an der heutigen Gewerbestraße und ist als Ruine noch vorhanden. Die Heizungsrohre wurden oberirdisch, auf Stelzen montiert, durch das Gelände geführt, Ausfälle konnten somit schnell korrigiert werden. Reste dieser Leitungsführung sind noch neben der Kesselhausruine im Bereich des heutigen Bundeswehr Sanitätsdepot zu sehen, man bezeichnet sie gern scherzhaft als „Das Neugablonzer Aquädukt".

     

Alter Kohlebunker

Altes Turbinenhaus

Altes Trafohaus

     

Ein Beispiel für die perfekt durchdachte Verwaltungsorganisation des DAG-Geländes bildete auch das Haus der Werksfeuerwehr, heute Sitz der Gablonzer Industrie, Neue Zeile 11. Im Erdgeschoß des Gebäudes waren in Großgaragen die Fahrzeuge der Feuerwehr untergebracht, im Obergeschoß (das Dachgeschoß ist erst nach dem Kriege aufgesetzt worden, das Originalgebäude hatte ein flaches, bepflanztes Betondach) die Büros, die Meldezentralen und die Unterkünfte der Wehrmänner. Der noch bestehende Turm diente zum Trocknen der Schläuche, Rutschstangen verbanden das Obergeschoß mit den Fahrzeughallen, so dass die Wehrmänner in Sekundenschnelle ihre Fahrzeuge anwerfen konnten. Zum Großeinsatz kam die Werksfeuerwehr nur einmal, bei dem schon geschilderten Explosionsbrand. Trotz Kriegszeiten verlief ihr Leben friedlich. Wie überliefert ist, beschäftigten sich die Männer der Werksfeuerwehr mit Kaninchenzucht zur Kostaufbesserung einiger Auserwählter. Für die medizinische Versorgung der Beschäftigten im DAG-Gelände war der Kaufbeurer Arzt Dr. Wenninger verpflichtet worden. Leichte Fälle behandelten Sanitäter in der Sanitätsbaracke des Lagers Riederloh. Komfortabel war das Gästehaus des DAG-Geländes eingerichtet. Es lag in dem noch heute bestehenden Waldstück zwischen Fichtenweg und Tannengrund, es besaß, im Gegensatz zu den anderen Gebäuden, einen Luftschutzkeller. Hier haben u. a. Reichsrüstungsminister Albert Speer, Reichsmarschall Hermann Göring, Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, und Generaloberst Heinz Guderian, Generalstabschef des Heeres, übernachtet.
Die Tarnung des Geländes gegen Luftangriffe war ebenfalls ausgezeichnet: Luftaufnahmen der US-Airforce zeigen, dass von diesem riesigen, kriegswichtigen Produktionsareal nichts zu sehen war. Diese Tarnmaßnahmen waren von größter Wichtigkeit; eine Bombardierung des Geländes hätte für das Werk und die gesamte nähere und weitere Umgebung verheerende Folgen gehabt.
Tarnmaßnahmen erbrachte einmal der Baustil selbst: Alle Gebäude waren mit grau-grüner Farbe gestrichen. Die flachen Betondächer mit ihrem Grünbewuchs aus Gras, Sträuchern und kleinen Bäumen schirmten bestens nach oben ab. Die aus Betonplatten bestehenden Straßen waren ursprünglich ebenfalls mit Tarnfarbe gestrichen. Dieser Anstrich musste immer wieder erneuert werden, was für Leute, die stolperten oder hinfielen, recht unangenehme Folgen hatte: Die Farbe hielt sehr lange, wo immer sie hingelangte. Die Straßenbeläge, die später verbaut wurden, erhielten schon bei ihrer Herstellung dunkle Farbzusätze, sie mussten nicht mehr nachgestrichen werden. Die Straßenführungen waren möglichst so gelegt, dass die Zweige der Bäume über sie hinwegreichten. Wo dies nicht möglich war, wurden über die Straßen grüne Tarnnetze mit Kunstgras versehen gespannt. Der Schornstein der Fernheizanlage bestand aus grün gestrichenem Metall und konnte bei Fliegeralarm eingezogen werden.
Das DAG-Gelände hatte ein eigenes Flugwarnsystem, es war nicht dem allgemeinen Warnsystem für die Zivilbevölkerung angeschlossen. Die Zentrale des Warnsystems war im Feuerwehrhaus untergebracht. Es war üblich, dass später als für die Zivilbevölkerung Fliegeralarm durchgegeben wurde, damit die kriegswichtigen Produktionsvorgänge nicht zu häufig und nur im Ernstfall unterbrochen würden. Es gab zudem nur unzureichende Zufluchtsstätten im Falle eines Fliegerangriffes. Augenzeugen berichteten dazu: „Wenn Alarm gegeben wurde, blieben wir an unseren Arbeitsplätzen, wohin sollten wir uns auch flüchten?“

Die meisten Gebäude hatten ein Flachdach, das außerdem begrünt war. Das Dach bot Schutz vor Brandbomben. Die Ziegelwände wurden zur Tarnung grün angestrichen. Ehemaliges Produktionsgebäude Nr. 441. Das Flachdach des Sussmann-Gebäudes in der Glasschleiferstraße 14 ist sogar noch teilweise begrünt und gibt einen Eindruck wie die Gebäude beschaffen waren. (Foto: Frühjahr 2003)

Hätte eine Bombe eingeschlagen, wäre sowieso das Chaos ausgebrochen. Angst hatten wir freilich alle bei Fliegeralarm. Die frommen Tschechen und Polen unter unseren Arbeitern knieten sich hin und beteten laut zur Mutter Gottes!"
Es gehört zu den Seltsamkeiten der Geschichte Kaufbeurens, dass das DAG-Gelände, dieses äußerst kriegswichtige Pulver- und Sprengstoffwerk, nie bombardiert wurde, obwohl gegen Kriegsende die Bomberstaffeln der Feinde über Süddeutschland, wie überall, beinahe ohne Pause unterwegs waren. Nach Aussagen amerikanischer Offiziere war den Alliierten bekannt, dass bei Kaufbeuren dieses Rüstungsareal existierte. Dreimal haben feindliche Flugzeuge das DAG-Gelände angeflogen: Ende 1944, und zweimal 1945. Das erste Mal haben sie den Zugang von Pforzen her bombardiert, aber nicht getroffen, das zweite Mal haben sie Bomben über der Kaufbeurer Kriegsopfersiedlung an der Augsburger Straße abgeworfen, das dritte Mal sind sie abgedreht und haben ihre todbringende Last über dem Kemptener Kasernengelände abgeworfen und große Zerstörungen verursacht. Einer der Bomberpiloten berichtete 1984 in einem Interview dem Filmregisseur Eberhard Thiem, Kaufbeuren, die amerikanische Luftwaffe habe diesen letzten Angriff bei strahlendem Wetter und sehr guter Sicht durchgeführt.

Nr. 430, Glasschleiferstraße 23 (1947)

Die Piloten haben sehr genau das Bombenziel DAG-Gelände ausmachen können. Doch plötzlich haben sie die Orientierung verloren, die Sicht war wie durch einen Grauschleier getrübt. Als sie ihre Bombenlast ausgelöst hatten, haben sie erst bemerkt, dass sie dies über Kempten getan haben. Eine damals am Kaufbeurer Fliegerhorst beschäftigte Luftnachrichtenhelferin wusste dagegen anderes zu sagen: Am Kaufbeurer Fliegerhorst hat man sehr genau die anfliegende Bomberstaffel beobachten können, das Wetter war klar. Deutlich waren mit freiem Auge die geöffneten Bombenklappen zu sehen, aus denen jeden Moment die todbringende Last herunterfallen konnte. Doch nichts geschah, die Bomber drehten ab. Berechnungen des Wetterdienstes haben ergeben, dass an diesem Tag klares Wetter mit guter Fernsicht geherrscht hat. Nicht wenige Kaufbeurer sind der Meinung, dieses Wunder habe die Stadt Kaufbeuren der seligen Crescentia zu verdanken: Sie habe schützend ihre Hände über ihre Heimatstadt ausgebreitet. Die Recherchen, die Eberhard Thiem 1984 für einen Dokumentarfilm über das Leben der seligen Crescentia erarbeitet hat, haben solche verblüffende Ergebnisse erbracht, dass sie als Unterlagen für das Gesuch der Heiligsprechung Crescentias nach Rom gesandt wurden.


Der oben stehende Text wurde teilweise gekürzt, leicht verändert und mit Bildern ergänzt von Peter Dittert.

Der Text wurde mit freundlicher Genehmigung des Vorstands der Leutelt-Gesellschaft e.V. entnommen aus dem Buch:
„Neugablonz - Stadtteil der ehemals Freien Reichsstadt Kaufbeuren im Allgäu“
Entstehung und Entwicklung
Herausgegeben von der Leutelt-Gesellschaft durch Susanne Rössler und Gerhart Stütz

Das Buch mit dem vollständigen Text ist erhältlich für 35 Euro im örtlichen Buchhandel von Neugablonz oder direkt von der Leutelt-Gesellschaft, Waldstetter Gasse 10a, 73525 Schwäbisch-Gmünd, Tel. 07171/72705 - gerne bin ich Ihnen bei der Beschaffung des Buches behilflich -  Email : 
Peter Dittert