Interview vom 18. Mai 2003

Frau Dittert (Jahrgang 1925) wurde in Waldsassen (siehe Karte) unweit der tschechischen Grenze geboren und wuchs in Eger auf. Das 1. und 2. Schuljahr musste sie widerwillig in eine tschechische Schule - dort wurde nicht deutsch gesprochen - gehen, bevor sie in die Klosterschule wechseln konnte, die in deutsch unterrichtete.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs änderte sich für die damals 20-jährige das Leben dramatisch. Für die deutschen Bewohner herrschte am Abend eine Ausgangssperre. Wer dennoch draußen erwischt wurde, musste mit harter Bestrafung rechnen. Am Marktplatz stand ein Galgen, der als Hinrichtungsstätte diente. Als eines Abends ihrem Bruder Toni schließlich gerade noch die Flucht vor Tschechen ins Haus gelang, stand der Entschluss schnell fest: "Bevor wir ins Lager kommen oder noch etwas Schlimmeres passiert, fliehen wir!" Ihr Bruder drang in einer Nacht- und Nebelaktion im Spätsommer 1945 darauf über Schleichwege durch Wald und Feld ins benachbarte Waldsassen zu flüchten. Es blieb gerade noch Zeit ein paar Habseligkeiten zu packen. Alles außer etwas Unterwäsche, Kleidung und den Ausweisen ließen sie zurück. Frau Dittert weiß heute noch von der Angst, die sie in der fast völligen Dunkelheit verfolgte zu berichten.  Wären sie von einer tschechischen Patrouille entdeckt worden, hätte dies wohl ihr Ende bedeutet.
Über viele Irrwege kam Frau Dittert dann, nachdem sie ihren Mann kennen gelernt hatte, ins Allgäu - zunächst nach Aitrang, wo sie bei einem Bauern Unterschlupf fanden. Ihr Mann arbeitete in der Sudetenglashütte und musste jeden Tag mit dem Zug nach Neugablonz fahren, bis die beiden schließlich eine 2-Zimmer Wohnung vom Siedlungswerk zugewiesen bekamen.

Das Wappen des Egerlandes

Eger (jetzt Cheb) und Waldsassen sind nur wenige Kilometer auseinander. Als Orientierung gilt die Stadt Hof (links oben).

Frau Dittert wohnte mitten in Eger - Am Rosenbühl. Das Foto zeigt ihr ehemaliges Elternhaus im Jahre 2002.