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Interview vom 21. Mai 2003
Frau Jung
wurde 1924 in Labau (*) geboren und wuchs dort in ihrem Elternhaus auf. Ihre
Eltern hatten dort bereits vier Jahre zuvor ein Geschäft für Modeschmuck
gegründet und betrieben dieses erfolgreich. Dies alles sollte nach der
Kapitulation Deutschland 1945 ein jähes Ende finden.
Die Familie ahnte nichts Gutes, als ihre Lebensbedingungen im
Sommer 1945 immer schlechter wurden. Beinahe jeden Tag wurden Zettel
verteilt, auf denen den Deutschen von den Tschechen befohlen wurden, ihre
Wertgegenstände ersatzlos abzugeben: z.B. Musikinstrumente, und Fahrräder.
Außerdem musste Frau Jung zum Putzen gehen. Aus Angst vor einer
Vergewaltigung verhüllte sie ihr Gesicht mit einem Kopftuch. (Anderen
Deutschen gewährte die Familie in ihrem Haus über Nacht ein Quartier, bis
dies entdeckt und unter Androhung strengster Strafe verboten wurde.)
Am 4. Juli 1945 läutete schließlich ein Herr Kostlan, der zweithöchste Mann
der Gemeinde, gegen 17.00 Uhr an ihrer Haustüre. Er versprach ihnen
weiterhin in ihrem Haus und zwar im 1. Stock wohnen zu dürfen. Er selbst
würde das unterste Stockwerk benutzen. Schließlich ließ er sich die
Heizungsanlage genau erklären. Am nächsten Morgen stand dann in aller Früher
ein tschechischer Polizist - je nach Rang trugen diese
unterschiedliche deutsche Uniformen, z.B. der SS - an ihrer Türe. Er
hielt ein in tschechischer Sprache verfasstes Dokument in der Hand, welches
die sofortige Ausweisung der Familie Jung verfügte. Zweifellos war dieses
von dem besagten Herrn Kostlan am Tag zuvor vor seinem Besuch unterschrieben
worden. "Unverkennbar", erzählte Frau Jung, "standen dem tschechischen
Polizisten, der nur seine Pflicht zu erfüllen hatte, die Tränen über so viel
Gemeinheit in den Augen". Es half alles nichts: Innerhalb einer Stunde
sollte sie mit je höchstens 30 kg Gepäck vor der Türe zum Aufbruch bereit
stehen. Dies war die Zeit der "wilden Vertreibung"!
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Es fanden sich noch zwölf
weitere Ausgewiesene ein. Von Ort zu Ort ging es zu Fuß nach Gablonz in der
Bürgerschule (Volksschule), in der Stroh zur Übernachtung ausgebreitet war.
Am 6. Juli 1945 wurde die Familie am Bahnhof mit ihren Habseligkeiten,
bestehend aus einigen Kleidungsstücken, unter strengster Bewachung in einen
offenen, staubigen Kohlewaggon verfrachtet und nach ** Grottau (Grenzort) gefahren. Was
dann kam, war nach Frau Jung's Erzählung "fürchterlich". "Die Leute wurden
aus den Waggons rausgeholt, die Rucksäcke durchsucht und was noch viel
schlimmer war: die Frauen von Männern einer strengen Leibesvisitation
unterzogen." Frau Jung kann sich genau erinnern, wie eine Frau geschlagen
wurde, weil sie sich wehrte. Sie stand eine unglaubliche Angst aus, als der
Moment immer näher kam, dass sie an die Reihe kommen würde. Durch einen
geradezu unglaublichen Zufall stellten die Tschechen beim vorletzten Waggon
die Kontrollen ein: Ein Gewitter mit starken Regen setzte ein, so dass sie
unbeschadet wieder in den Zug einsteigen durften.
Bei einem Ort namens Ottendorf wurden sie letztendlich aus dem stehenden Zug
geworfen und kämpften sich hungernd, nachdem sie das letzte vom Regen
durchnässte und verschimmelte Brot, gegessen hatten, durch die Landschaft
bis sie unterwegs bei Neustadt in Sachsen unerwartet Hilfe von der
Bevölkerung erfuhren.
Frau Jung erreichte Neugablonz, wo sie 1950 ein Betriebsgebäude kaufte und
wieder Knöpfe herstellte. |
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Der Weg von Labau (roter Punkt auf der Karte
rechts) bis Gablonz musste die Familie Jung zu Fuß zurücklegen. Mit dem Zug
ging es dann Richtung Reichenberg (links oben) bis Zittau über die Grenze.
links:
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Landkreis Löbau-Zittau (Grenzgebiet zu Tschechien) in Sachsen heute, wo Frau Jung im Juli 1945 über
die Grenze nach Deutschland gelangte.
* 885 Einwohner lebten 1939 in Labau. |

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