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Interview vom 16. Juni 2003
Frau Margit Wetschernik wurde 1925 in Unter-Schwarzbrunn
(tschechisch: Dolni Cerna Studnice)
bei Gablonz geboren und wuchs dort in Ihrem Elternhaus, dem
einzigen Lebensmittelgeschäft, der alles von Tabakwaren über Lebensmittel
bot, des kleinen Ortes auf. Bis zur Bürgerschule (Volksschule) war ein
Fußmarsch von einer Stunde zu bewältigen.
Im Mai 1945 schließlich, nach der Kapitulation Deutschlands, wurde ihr
Geschäft von Russen geplündert: Die Eier an Ort und Stelle ausgetrunken und
alles Essbare mitgenommen. Die 20-jährige Margit flüchtete zu den Nachbarn,
da ihre Eltern gerade unterwegs waren. Innerhalb kürzester Zeit organisierte
eine befreundete Familie für die Töchter des Ortes ein Versteck in einem
Haus am Waldrand. Dort wurden die acht Mädchen und Frauen 14 Tage in einem
kleinen Raum untergebracht, so dass sie vor den Vergewaltigungen sicher
waren.
Die schlimmste Zeit stand Margit aber noch bevor: Sie wurde nach
Seidenschwanz und dann auf einem offenen Lastwagen bei strömenden Regen in
die Tschechei in ein russisches Barackenlager gebracht. In Viererreihen
angestellt, wurde sie von den tschechischen Bauern gemustert und zur
Zwangsarbeit mitgenommen. Da Margit aber klein und schwächlich war, wollte
sie zunächst kein Bauer für die schwere Arbeit mitnehmen. Schließlich
landete sie bei einem Bauern, dessen schwerkranke Frau sie pflegen musste.
Am schlimmsten war, erzählt sie mir, "dass mir der Bauer ständig nachstellte
und ich meine Kammer nicht absperren konnte. Ins Dorf konnte ich nicht, da
Deutsche dort bespuckt und mit Steinen beworfen wurden." |
Ihr Vater war inzwischen im Auslieferungslager, weigerte sich
aber ohne seine Tochter zu gehen. So marschierte der Mann mehrmals vier
Stunden den Weg hin und vier Stunden zurück, bis er sich entschloss einfach
seine Tochter ohne Erlaubnis mitzunehmen. Im Lager wurde sie von sechs
Tschechen aufgefordert sich nackt auszuziehen. Sie musste sich einer
peinlichen Leibesvisitation unterziehen, obwohl sie nichts außer ihrer
Kleidung besaß.
Nur einmal im Januar 1946 wurde ihnen erlaubt, noch einmal ihr Haus zu
betreten, um sich frische Anziehsachen zu holen. Bis dahin war es ihr nicht
möglich gewesen, auch nur eine Kleinigkeit zu besorgen. Mit nur wenigen
Habseligkeiten, die ihr Verwandte besorgt hatten, stand schließlich die
Familie am Bahnhof und wartete auf den Zug, der sich nach Deutschland
bringen sollte. Deshalb hat Frau Wetschernik auch keine Fotos, Geschirr oder
irgendwelche Andenken an ihr früheres Zuhause.
Die Fahrt im Zug (Januar 1946) dauerte nicht lange. Da Arbeitskräfte
gebraucht wurden, mussten sie wieder aussteigen und verbrachten nochmals
zwei Monate mit Zwangsarbeit, bis sie schließlich im März nach Deutschland
gebracht wurden. Der Weg bis nach Neugablonz war beschwerlich, aber Frau
Wetschernik bewies ihr Organisationstalent und Durchsetzungsvermögen. Einmal
organisierte sie in einem kleinen Dorf den Milchverkauf, dann verschaffte
sie sich eine Zuzugserlaubnis nach Kaufbeuren-Hart (heutiges Neugablonz), wo
sie viele Jahre als Buchhalterin arbeitete.
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Unterschwarzbrunn mit Schwarzbrunnwarte |
Gipfel des Schwarzbrunns (869 m) heute -
Schwarzbrunnwarte (Ansichtskartensammlung) |
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