Interview vom 4. und 14. August 2006

Herr Hanf stammt aus Marienberg bei Gablonz. (siehe Planquadrat F3 auf http://www.dittert-online.de/neugablonz/landkarte1.htm ). Die letzten Kriegswochen im April 1945 durchlebte er als aktiver Kriegsteilnehmer. Gerade mal 19 Jahre war Herr Hanf alt, als er mit Handfeuerwaffen, aber auch Gewehrgranaten bewaffnet vor Berlin im Häuserkampf einen aussichtslosen Kampf führen musste. 10-12 Mann, oftmals wahllos als mobiles Einsatzkommando zusammengestellt, sollten die mit Lkws und Autos heranrückenden russischen Kampfverbände aufhalten. Die nur kurzen, stets wechselnden Einsätze, diesen sinnlosen Kampf, bezahlten viele seiner Kameraden mit dem Leben, denn nur zu oft kehrten nicht alle wieder in ihr Einsatzlager zurück.

Herr Hanf hatte zuvor schon in Frankreich gekämpft und war dort bereits mehrfach verletzt worden. Ein Oberschenkeldurchschuss verschaffte ihm eine kleine Erholungspause im Lazarett, während ein Pistolensteckschuss im Arm und Asphaltsplitter im Gesicht von einer Panzergranate, sowie ein kaputtes Trommelfell, fast schon nebensächlich erscheinen.

Glück zu dieser Zeit bedeutete am Leben zu bleiben. Während russische Reiter und Panzer die jungen Soldaten in einem Kohlenkeller eingekesselt hatten, suchten sie verzweifelt nach etwas Weißen, um ihr Aufgeben zu signalisieren. Sich ergeben hieß noch lange nicht überleben zu dürfen. Ein russischer Soldat forderte einen der Deutschen auf: „Du laufen!“, um ihn auf der Flucht erschießen zu können. Die Worte haben sich Herrn Hanf bis heute eingeprägt. Ein anderer Soldat verhinderte dies durch ein „Njet!“ – Leben oder Tod waren willkürlich nur durch Sekundenbruchteile voneinander getrennt.

Herr Hanf überlebte und geriet in russische Gefangenschaft. In tagelangen Fußmärschen gelangte er in ein Auffanglager in Sorau, Schlesien, (http://de.wikipedia.org/wiki/Landkreis_Sorau), dann ging es mit dem Zug weiter. Zug fahren für Kriegsgefangene war eine Tortur. Zusammengepfercht mussten die Gefangenen tagelang stehend oder liegend verbringen. Verpflegung gab es nur unregelmäßig, wenn dann war es versalzen. Salziges Essen erzeugt wiederum großen Durst und sauberes Trinkwasser war nur selten verfügbar. Um den quälenden Durst zu lindern, lutschten sie Kieselsteine und hielten bei Regen die Hände aus dem kleinen Fenster des Waggons, um Wasser aufzufangen. Wer bei Fußmärschen nicht in Reih und Glied blieb und aus einer Pfütze Wasser trinken wollte, wurde erschossen. Brot in Motorenöl gebacken war als Leckerbissen anzusehen.

Viele überlebten nicht und wurden bei einem Stopp aus dem Waggon geworfen. Die Schiebetür wurde nur selten geöffnet, denn die Notdurft konnte durch einen Trichter im Waggon verrichtet werden. Die Insassen wussten ungefähr wo sie waren, da ein Geschichtsprofessor unter den Gefangenen war, der sich auskannte. Die Reiseroute war planlos – das Ziel ungewiss. Entkräftet und ausgetrocknet erreichte der Zug Krasnodar, 1500 südwestlich von Moskau, im Kaukasus.

Bereits im Oktober 1945 wurde Herr Hanf wegen Krankheit aus der Gefangenschaft entlassen. Er hatte großes Glück gehabt und lebt jetzt in Neugablonz.